Von Nadia Shehadeh
“Liebes neues theater halle, was ist Euer fucking Problem?
Seit Monaten gibt es immer wieder Theater rund ums Thema Blackface im Bereich der deutschen darstellenden Künste, und aktuell auch Kontroversen um die Nutzung des N.-Wortes. Das ermüdet. Noch ermüdender ist, dass die Abwehrreflexe derer, die sich derartiger Praktiken bedienen und von KritikerInnen darauf hingewiesen werden, was an dieser Praxis nicht okay – besser gesagt: scheiße – ist, immer wieder neue Qualitäten erreichen.
Die Rede ist vom neuen theater halle: Wohl “kalkuliert” hat man der derzeit laufenden “Othello”-Inszenierung den Untertitel “Venedigs N****” (selbstverständlich ausgeschrieben) verpasst, und die Theaterleute finden das ganz innovativ und spitze, und außerdem: “Hey, das ist schließlich Kunst und die darf alles!” (gähn). Zurecht laufen nun AktivistInnen Sturm, die sich an diesem Gebahren massiv stören. Und sie opfern mal wieder ihre Zeit dafür, kostenlos und umfangreich Nachhilfe in Sachen Antirassismus zu erteilen. Und nochmal: Es geht nicht um persönliche Befindlichkeiten von engagierten Antirassismus-Gegnern, die öffentlich einsehbar auch auf der Facebook-Seite des Haller Theaters thematisiert werden, sondern um fundierte Kritik an einer rassistisch eingefärbten Vorgehensweise unter dem Deckmantel von “Das ist halt Kunst”.
neues theater halle sieht auf jeden Fall bis heute nicht, wo genau jetzt das Problem liegen soll, und die Advokaten der Verwendung des N.-Wortes reden sich derweil um Kopf und Kragen. Schauspieler Martin Reik, der den Othello spielt, glänzt beispielsweise mit Verbalausfällen und einem diffusen Worthülsensalat in einem Facebook-Thread, und auf nachtkritik wird sich gewundert, warum die Leute sich aufregen obwohl-sie-doch-noch-gar-nicht-das-Stück-gesehen-haben! Und dann darf natürlich der allseits beliebte Hinweis nicht fehlen, dass der Untertitel – und natürlich das ganze Stück, ist klar – ja gewissermaßen eher dazu führen, Rassismus mal eingehender zu betrachten, was der “politisch korrekte Empörungsreflex” natürlich nicht kann (würg).
Nur schwer nachzuvollziehen ist die Lernresistenz des neuen theaters halle, stattdessen wird sich weiter um Kopf und Kragen geredet und in Ausflüchten gesuhlt (Untertitel ist urheberrechtlich geschützt, und allein deswegen kann man ja nicht…). Traurig ist, dass die Diskussion über Repräsentationsmacht hier mit einem bildungsbürgerlichen Milieu geführt werden muss, dass sich über jeden Verdacht erhaben – ja sogar: Aufklärerisch! – fühlt. Wobei, vielleicht ist genau diese klugscheißerische Attitüde der Kritisierten Kern der bisherigen Verfahrenheit der erhitzten Debatte? Also, liebes neues theater halle, was genau ist Euer fucking Problem? Ist es so schwer, sich mal eingehend mit den Einwänden Eurer KritikerInnen zu beschäftigen und beispielsweise den Literaturempfehlungen, die Euch für umme auf dem Silbertablett gereicht werden, zu beschäftigen? Ist es zu viel verlangt, mal die Essenzen der Kommentare rauszufiltern, die Euch gewidmet sind und Euch jede Möglichkeit geben, in den Handlungsmodus zu kommen? Oder brecht Ihr Euch einen Zacken aus der Krone, wenn Ihr zugeben müsst, dass da in den letzten Tagen was gewaltig schief gelaufen ist bei Euch? Denkt mal drüber nach!”
Eine Diskussion findet in den Kommentaren unter dem Originalpost bei den Ruhrbaronen statt.