1. Widersprüche
In letzter Zeit wurde von Journalisten immer wieder vorgebracht,die Kritik am rassistischen Stilmittel des „Blackfacing“gefährdedie Kunstfreiheit. In Reaktion auf das Weglassen von „Blackface“in Michael Thalheimers Inszenierung von „Unschuld“ am DeutschenTheater fragt z.B. der Journalist Ulrich Seidler in einem Artikel inder Berliner Zeitung vom 23.03.12: „Darf das Theater sich von verletzten Zuschauern die künstlerische Freiheit nehmen lassen?“[1]Und an anderer Stelle im selben Artikel fallen im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung und der Diskussion von Bühnenwatch mit demDT, auf welche die Absetzung des Stilmittels gefolgt war, Vokabelnwie „diktatorisch“ und „grenzwahnhaft“.
Diese Worte rufen Assoziationen an die deutsche Vergangenheit und zwei Diktaturen auf, in denen die Freiheit der Kunst nichts galt. Und reflexhaft ist man versucht zu antworten: „Was, die Kunstfreiheitist bedroht? Halt, das geht zu weit!“ Das Wort „Kunstfreiheit“wird mit Begriffen wie Humanität, Offenheit, Respekt gegenüberAndersdenkenden, individuelle Entfaltung etc. in Verbindung gebracht.Es entsteht ein assoziatives Panorama von Werten, die zumindest aufdem Papier die Grundlage unseres demokratischen Gemeinwesens bilden.Die überwiegende Mehrheit in Deutschland würde diesen Werten wohlspontan zustimmen und sie verteidigen. Daher funktioniert es so gut,das Wort „Kunstfreiheit“ in Diskussionen fallen zu lassen: Sofortkann man nahezu rückhaltlose Zustimmung erhalten, ohne argumentierenzu müssen und/oder genauer zu definieren, was damit in diesemZusammenhang eigentlich gemeint ist und ob es tatsächlich – indiesem Zusammenhang – darum geht. Tritt man einen Schrittzurück und schaut genauer hin, wird allerdings schnell klar, dassdie Rede von der Bedrohung der Kunstfreiheit eine fruchtbareDiskussion um „Blackface“ und rassistische Darstellungsformen andeutschen Bühnen blockiert und Hindernisse schafft, wo keine sind.
Das beginnt mit der Einsicht, dass das Beharren auf „Blackface“im krassen Widerspruch zu Werten wie Humanität, Offenheit undRespekt gegenüber Andersdenkenden steht. Wie kommt es, dass den Journalisten, die im Namen der Kunstfreiheit Bühnenwatch pathologisieren, dieser innere Widerspruch nicht auffällt? Wie kann es sein, dass sie Schwarze und weiße Aktivist_innen, die sich gegen Rassismus engagieren, im Namen von humanistischen Werten beschimpfen und diskreditieren?
2. Rassismus? Na, ja, das sind doch diese Neonazis!
Eine Erklärung für dieses Verhalten könnte sein, dass dieseJournalist_innen nicht wissen, worüber sie sprechen. Offenbar wissen sie nicht, worum es bei dem Thema Rassismus geht. Und dass das soist, ist leider nichts Außergewöhnliches, sondern deutscheNormalität und bereits Teil der ja nicht allein von Bühnenwatchkritisierten rassistischen Struktur, in der Menschen, diegesellschaftlich als „weiß“ verortet werden, sich überRassismus keine Gedanken machen müssen, wenn sie nicht wollen. Denndieses Privileg haben Menschen, die in Deutschland als „schwarz“verortet werden, nicht.
“Blackfacing“ gehört zu einer in Deutschland leider immer noch größtenteils unaufgearbeiteten Tradition kolonial-rassistischer Begriffe und Topoi, kolonialer Bilder und Filme, die das Bild der weißen sogenannten „Mehrheitsgesellschaft“von Schwarzen Menschen nach wie vor stark beeinflussen und weißeMenschen nicht selten in paternalistischer Überheblichkeit,Exotismus oder der Angst vor einem ominösen „Fremden“ festhalten. Rassismus ist damit, anders als häufig suggeriert, keinProblem allein von Neonazis, sondern ein Problem, das die Mitte derGesellschaft betrifft, auch wenn das dieser selten bewusst ist.
Was also ist zu tun, nachdem sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Gedenkfeier für die Opfer der Neonazimorde Folgendes erkannthat:
„Der Kampf gegen Vorurteile, Verachtung und Ausgrenzung er muss täglich geführt werden, in Elternhäusern, in der Nachbarschaft, in Schulen, Kultur- und Freizeiteinrichtungen, in religiösen Gemeinden, in Betrieben. Überall sollten wir ein feines Gehör und Gespür für die kleinen Bemerkungen, die hingeworfenen Sätze entwickeln. So manche Bemerkung nimmt man schnell mal auf die leichte Schulter, nachdem Motto: Der oder die meint das doch nicht so ernst. Doch Intoleranz und Rassismus äußern sich keinesfalls erst in Gewalt. Gefährlich sind nicht nur Extremisten, gefährlich sind auch diejenigen, die Vorurteile schüren, die ein Klima der Verachtung erzeugen. Wie wichtig sind daher Sensibilität und ein waches Bewusstsein dafür, wann Ausgrenzung, wann Abwertung beginnt.Gleichgültigkeit und Unachtsamkeit stehen oft am Anfang eines Prozesses der schleichenden Verrohung des Geistes.“[2]
Dass Angela Merkel mit dieser Sensibilisierung dringend bei sichselbst beginnen müsste, ist ein Thema, das hier nicht weiterverfolgt werden kann. Das obige Zitat beschreibt jedoch sehr gut,dass es nicht reicht, etwa die NPD zu verbieten, um Rassismuswirklich effektiv zu bekämpfen. Darüber hinaus ist sehr vielhistorische und kulturelle Aufarbeitung nötig, die das Phänomenauch in seiner Tiefendimension – und dabei geht es um das kulturellUnbewusste, das scheinbar Selbstverständliche – erkennt. DasBeharren auf dem Stilmittel „Blackfacing“ übersieht oder leugnetdiese Ebene rassistischer Diskurse und bleibt im kulturellUnbewussten, in der Beschränktheit der eigenen, „mehrheitsdeutschen“Sicht der Dinge verhangen.
3. Machtverhältnisse nicht wahrnehmen (wollen) – weißePrivilegien, Selbstbilder und Ängste
Der Widerwille, sich auf diese Ebene der Analyse zu begeben, führtzu einem zweiten wichtigen Punkt in der Debatte. Neben einem großenNichtwissen in Bezug auf das Thema Rassismus besteht bei Angehörigender weißen, deutschen „Mehrheitsgesellschaft“ eine große Angst:die Angst vor dem Verlust von Privilegien und der Notwendigkeit, daslieb gewordene Selbstbild, ein aufgeklärtes, nicht rassistischdenkendes Individuum zu sein, zu hinterfragen. Diese Angst zeigt sichin dem spontanen Impuls, in die Opferrolle zu gehen und die vonInititativen wie Bühnenwatch ausgehende Kritik an Machtverhältnissenund weißen Repräsentationshoheiten in die Beschneidung einer alsallgemein gedachten Freiheit umzudeuten. Doch die Freiheit, die hierverteidigt wird, besitzen nicht alle Mitglieder dieser Gesellschaft,und deshalb ist sie ein Privileg. Es ist nicht die Freiheit derKunst, die hier verteidigt wird, sondern das Privileg einer weißenMehrheit, auch weiterhin darüber zu bestimmen, welche Zerrbilder vonSchwarzen Menschen in dieser Gesellschaft zirkulieren sollen und wiediese Bilder zu lesen sind – während umgekehrt Schwarze Menschendieses Privileg nicht haben. Der Vorwurf des diktatorischenEingreifens in die Kunstfreiheit dreht bestehende Machtverhältnisseum, macht „Täter“ zu „Opfern“ und diejenigen, die mit denKonsequenzen dieser rassistischen Repräsentationen im Alltag umgehenmüssen, zu Diktatoren. Ein Privileg – die Freiheit einer Gruppe –,das Menschen, die in dieser Gesellschaft Rassismus erfahren, nochweiter in ihrer Würde angreift, kann niemand wollen, dem das Idealeiner offenen, respektvollen und gerechten Gesellschaft vorschwebt.
4. Verantwortung übernehmen
Auch das Deutsche Theater ist kein machtfreier, neutraler und/oderapolitischer Raum. Hier arbeiten reale Menschen, die Mitglieder derGesellschaft sind, das Theater ab und zu verlassen und, nichtzuletzt, ja auch außerhalb des Theaters geboren und sozialisiertwurden. Auch wenn es hier keinen Automatismus gibt, so macht es inBezug auf die Kunst, die produziert wird, in der Regel einenUnterschied, ob die Mitglieder des Theaters – wie der deutschenTheaterlandschaft insgesamt – vor allem „weiß“ sind. Denn esist immer noch so, dass mit dieser gesellschaftspolitischen Verortungbestimmte Erfahrungen, das Fehlen anderer sowie Privilegieneinhergehen, die, ob gewollt oder ungewollt, das Ergebnis einerlangen Geschichte rassistischer Ungerechtigkeit im globalen Maßstabsind.
Das DT hat sich in den Gesprächen mit Bühnenwatch offen gezeigtfür die Kritik an rassistischen Darstellungsformen. Es hat dieKritik ernst genommen und mit dem Weglassen von „Blackface“ einenersten Schritt getan hin zu einem reflektierteren Umgang mitrassistischen Stilmitteln in der Kunst und Kultur – auch wenn dieseAuseinandersetzung damit noch nicht am Ende ist und „Blackfacing“nur eine neben anderen rassistischen Darstellungsformen ist. Es hatdadurch auch gesellschaftliche Verantwortung übernommen – etwas,das in Bezug auf das Thema Rassismus ja immer alle fordern, nichterst seit Angela Merkels Rede. Diese gewonnene Sensibilität als eineForm des Einknickens und der Unterwerfung zu bezeichnen, zeigt nur,dass Journalisten, die so reden, den Perspektivwechsel, den dasTheater mittlerweile vollzogen hat, noch nicht vollzogen haben, unddass sie offenbar nicht bereit sind, ihren Teil der Verantwortung alsJournalisten zu übernehmen.
Das Stilmittel „Blackface“ ist, wie andere unbearbeitete,rassistische Wahrnehmungsmuster unserer Kultur, eines von vielenHindernissen auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die nicht nur vonHumanität, Gerechtigkeit und Freiheit redet, sondern versucht, ihrHandeln an diesen Werten auszurichten. Der Versuch, eine intensivereAuseinandersetzung mit rassistischen Diskursen und Bildern inInstitutionen der Kunst und Kultur im Namen der Kunstfreiheit zuverhindern, geht am Thema vorbei und blockiert dringend nötige,emanzipatorische Lernprozesse. Denn es sind Schwarze Menschen – und nicht weiße Kulturschaffende, ob mit oder ohne schwarze Schminke –,die in Deutschland in ihrer Freiheit und Würde angegriffen werden,wenn sie in einem gesellschaftlichen Kontext, in dem Rassismus invielfältigen Formen weiterhin besteht und Teil des Alltags ist, wiederholt gefragt werden, ob ihre Haut wirklich abfärbt.
André Vollrath
[2] http://www.youtube.com/watch?v=5tPjPvSEEXM&feature=related
André Vollrath, M.A. Literaturwissenschaft & Philosophie. Arbeitet als Social-Justice-Trainer und Performer.
Pingback: The defense of “Freedom of Art” or “Racism – that’s nothing concerning me. That’s neonazi ideology”. – A highly recommended article. | Everything That You See Becomes Yours