​Zu Sebastian Baumgartens Inszenierung “Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von Bertol​t​ Brecht

 

Beim diesjährigen 50. Theatertreffen, das von den Berliner Festspielen ausgerichtet wird,  wurde eine Inszenierung unter die 10 ausgezeichneten Inszenierungen gewählt, die mit Blackfacing und anderen rassistischen Mitteln arbeitet.  Wir haben dazu einen offenen Brief verfasst: 

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Frau Intendantin Barbara Frey und Herrn Intendanten Thomas Oberender

Frau Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens

Herrn Vasco Boenisch, Juror

Frau Anke Dürr, Jurorin

Frau Ulrike Kahle-Steinweh, Jurorin

Herrn Christoph Leibold, Juror

Frau Daniele Muscionico, Jurorin

Frau Christine Wahl, Jurorin

Herrn Franz Wille, Jurorin

Herrn Sebastian Baumgarten, Regisseur

Frau Andrea Schwieter, Chefdramaturgin und stellv. Intendantin

“Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von Bertolt Brecht in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten

Berlin, 16. Mai 2013

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir schreiben Ihnen, um die Inszenierung des Stückes „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ im Hinblick auf die (Re)produktion und Unterstützung von rassistischen Bildern zu kritisieren.

Die Absicht, Brechts Text neu zu lesen und mit den Mitteln des Theaters auf die historischen, politischen und sozialen Veränderungen der Welt zu reagieren, wird durch die Verwendung diffamierender, diskriminierender und stereotypisierender Zeichen konterkariert. An der Behauptung, Kapitalismus hätte früher keine globalen Ausmaße gehabt, wird unter anderem deutlich, dass sich Herr Baumgarten der historischen Bedeutung des Kolonialismus und dessen gegenwärtigen Auswirkungen nicht bewusst ist.

Sie als Verantwortliche für diese politische und letztlich auch künstlerische Fehlleistung hatten mehrere Möglichkeiten, Ihre konzeptionellen, inszenatorischen und kulturpolitischen Entscheidungen zu überdenken und zu revidieren. Diese Möglichkeiten haben Sie nicht wahrgenommen und Kritik als haltlos zurückgewiesen. In Bezug auf den Rassismus der Inszenierung haben sich bereits mehrere kritische Stimmen gemeldet, z.B. Henrike Terheyden, Summer Banks und Eva Biringer auf www.theatertreffen-blog.de oder Holger Syme auf www.dispositio.net. Wir würden eine Diskussion und Annahme dieser Kritik sehr begrüßen.

Die in der Inszenierung verwendeten Zeichen enthalten enormes Gewaltpotenzial. Es werden rassistische Stereotype und Stilmittel verwendet, ohne dass diese im Rahmen des Stücks kritisiert, besprochen oder kontextualisiert würden. Die Darstellung einer “Afrikaner_in” durch das in den letzten Monaten ausführlich diskutierte und von Schwarzen Menschen immer wieder kritisierte Stilmittel Blackface ist nicht das einzige rassistische Stilmittel der Inszenierung. Auch andere Kolonialfantasien werden wieder zum Leben erweckt, etwa wenn das Kostüm der Frau Luckerniddle durch ein künstliches, besonders großes Hinterteil ergänzt wird. Diese Zeichen sind weltweit Synonyme für jahrhundertelange Unterdrückung von Schwarzen Menschen und Menschen of Color durch Weiße. Sie stehen für Versklavung, Deportation, Mord, Völkermord, Ausbeutung, Landnahme, soziale Ausgrenzung und die Betonung der weißen Vorherrschaft. Zu behaupten, diese Zeichen wären rein ästhetische und darüber hinaus neutral, bedeutet die Leugnung dieser (gemeinsamen) Geschichte.

Die stereotypen Darstellungen beschränken sich allerdings nicht nur auf die rassistisch konnotierten Aspekte der Figur der Frau Luckerniddle. Auch die Darstellung des Hauswirts Mulberry fällt in diese Kategorie, ebenso der vorgeblich “jüdische Akzent” des Graham. Eine kapitalismuskritische Intention der Inszenierung rechtfertigt nicht die Verwendung solch drastischer Stereotypen, die auf Machtverhältnissen beruhen, die längst noch nicht überwunden sind. Vielmehr steht die Wiederholung verletzender Klischees dieser Absicht entgegen. Einer selbstkritischen oder ironischen Verwendung solch aufgeladener Mittel fehlt bisher die Grundlage einer breiten kritischen Debatte. Einer solchen Debatte wird auch nicht zugearbeitet, wenn diese Klischees einfach nur wiederholt und nicht dekonstruiert oder kontextualisiert werden.

Auf die Worte „Die Kunst ist frei“ darf kein „Aber“ folgen. Die Verantwortung, die Kulturschaffende tragen, lässt sich jedoch genauso wenig negieren. Theater findet nicht im luftleeren Raum statt – deshalb bleibt es notwendig, verantwortlich mit dessen Inhalten und Mitteln umzugehen und sich über mögliche gesellschaftliche Auswirkungen im Klaren zu sein. Die ungebrochene und unreflektierte Verwendung rassistischer Bilder wie in diesem Fall fördert innerhalb und außerhalb des Theaters nur eines – Rassismus.

Grada Kilomba sagt über die kontinuierliche Verwendung rassistischer Zeichen und Sprache: „Es ist ein gutes Beispiel wie Rassismus durch eine Machtdefinition bewilligt wird, das heißt die, die Rassismus praktizieren, haben nicht nur den Glauben an das Richtige ihrer Sache, sondern auch das Privileg und die Macht zu definieren, ob bestimmte Begriffe und Zeichen rassistisch oder diffamierend gegenüber denen sind, die diskriminiert werden. Eine absurde Situation, da die Perspektiven, die Definitionen und das Wissen von denen, die Rassismus erleben, absolut irrelevant werden.“ (HINTERLAND MAGAZINE, Ausgabe #15)

Es scheint uns, als habe Herr Baumgarten bei dieser Inszenierung weder Schwarze Menschen, noch Menschen of Color als potentielles Publikum mitgedacht.

Herrn Oberender und Frau Büdenhölzer fordern wir auf, vor Ablauf des Theatertreffens eine Möglichkeit zur öffentlichen Diskussion der Vorgänge zu schaffen. Sie als Vertreter des von öffentlicher Hand geförderten Kunstbetriebs haben die Macht und die Mittel dazu. Nutzen Sie sie!

Mit besten Grüßen

BÜHNENWATCH

 

Dem offenen Brief ging bereits eine Reihe an Kritik voraus die wir mit folgender Linksammlung dokumentiert haben:

 

 

Holger Syme: Brecht, Baumgarten, Blackface (en)

“As a consequence, the entire satire of the production, to the extent that it worked, seemed to target things that have long ago become their own best self-parody. In that regard, at least, the racial stereotype seemed of a piece with the rest of the show: beyond its offensiveness, it just felt dated.”
http://www.dispositio.net/archives/1571


Henrike Terheyden: Kunstmittel oder Beleidigung? Vier Stimmen zum Blackfacing in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ (dt)

“Bis jetzt hat es noch keine Diskussion darum im Rahmen des Theatertreffens gegeben, und das, obwohl die öffentliche Debatte noch so jung ist. Wo ist diese Diskussion? Ich unternehme den Versuch, vier verschiedene Stimmen hier zu Wort kommen zu lassen, Simone Dede Ayivi und Atif Hussein von Bühnenwatch, Sebastian Baumgarten, Regisseur, und Andrea Schwieter, Dramaturgin bei der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“, in genau der Reihenfolge, in der ich die Gespräche geführt habe.”

http://www.theatertreffen-blog.de/tt13/die-heilige-johanna-der-schlachthoefe/kunstmittel-oder-beleidigung-vier-stimmen-zum-blackfacing-in-der-heiligen-johanna-der-schlachthofe/

 

Summer Banks:  Blackface fail (en)

“Yes, blackfacing is a tool for presentation. And it’s been used to propagate negative stereotypes for centuries. To put this technique on stage and not create a venue within the work for the analysis and questioning of this historic usage deliberately ignores the explosive nature of this “tool of art”.”

http://www.theatertreffen-blog.de/tt13/die-heilige-johanna-der-schlachthoefe/blackface-fail/

Eva Biringer: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. 28 Zeilen schlechte Laune (dt)

http://www.theatertreffen-blog.de/tt13/die-heilige-johanna-der-schlachthoefe/die-heilige-johanna-der-schlachthofe-28-zeilen-schlechte-laune/

 

Nachtkritik:

Kai Bremer: Spiel mir das Lied vom Cowboy-Kapitalismus (dt)http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7294%3Adie-heilige-johanna-der-schlachthoefe-sebastian-baumgarten-gibt-brecht-in-zuerich-als-kinoklassiker&catid=65&Itemid=1

Kurzrezension der Premiere beim 50. Theatertreffen:

http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8110%3Adie-heilige-johanna-der-schlachthoefe-der-shorty-zum-gastspiel-beim-theatertreffen-2013&catid=685%3Ashorties&Itemid=1

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Summer Banks:

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How to kill a Mockingbird

Kürzlich erreichte uns ein Leser_innen Kommentar von Silvia Rhode, den wir uns entschlossen, nicht freizuschalten, weil er, wie so häufig, Standpunkte und Vorstellungen enthielt, die sich vor allem durch die mangelnde Auseinandersetzung mit Rassismus auszeichneten und wir Fehlauslegungen der Arbeit von Bühnenwatch nicht auf unserer Seite reproduzieren möchten. Diese kursieren bereits zu genüge in der Presse sowie den selbstreferenziellen Netzwerken und Plattformen der deutschen Theaterlandschaft und wir haben mehrmals sowohl in persönlichen als auch öffentlichen Gesprächen detailliert und differenziert versucht, diese zu berichtigen.
Nun erschien auf Frau Rhodes Blog eine in einen Artikel umgewandelte, etwas längere Version ihres Kommentars.
Was für eine wundervolle Vorlage, dachten wir uns, um endlich eine „Neue und alte Missverständnisse -Sektion“ in unseren Blog einzufügen, um künftig nur noch auf diese verweisen zu müssen, wenn wir uns damit konfrontiert sehen.
Dabei möchten wir gerne Frau Rhodes Ausführungen Zitate von Expert_innen entgegensetzen, die sich in unterschiedlichsten Bereichen mit der Bedeutung rassistischer Praxen und Bilder sowie mit anti-rassistischen und Empowermentstrategien beschäftigt haben. Denn auf diesen gesellschaftskritischen Konzepten und Theorien beruht Bühnenwatchs aktivistische Arbeit.
Hier nun also, in keiner besonderen Reihenfolge die häufigsten Reaktionen auf Kritik rassistischer Praxen an deutschen Bühnen – challenged!

1.) Rassistisch ist, was rassistisch gemeint ist oder: Intent Shmintent!

Bei Frau Rhode wie folgt:

“Aufgezogen von einer Mutter, die lange in anderen Kulturen gelebt hat, von Kindesbeinen an mit humanistischen Grundwerten gefüttert fällt es mir nicht leicht Kritik zu üben an Menschen, die ihre Ausgrenzung abschaffen wollen. Allein die Frage bleibt: sind alle Mittel unkritisierbar, die dafür eingesetzt werden, nur weil die Absicht gut ist?
Blackfacing wird von BÜHNENWATCH ausnahmslos angeprangert… selbst wenn es als künstlerisches Stilmittel ohne rassistische Absicht eingesetzt wird. Also scheint die Absicht ihrer Ansicht nach nicht die Mittel zu rechtfertigen. Dann gleiches Recht für alle.“

“Ah, intent. You unfalsifiable talisman of airy exoneration. This is the second twanging string to the Belgian court’s bow, the outraged insistence that the artist was no racist, had no intent to ‘create an intimidating, hostile, degrading or humiliating environment’.
The great advantage for its deployers of this defence is that it is completely unprovable either way. Which is why, whatever one’s opinions of their actual bona fides, it is generally strategic to focus on what a person said or wrote, rather than what they think or are.”

- China Mieville über den Prozess um “Tim im Kongo” mehr [http://chinamieville.net/post/18314521552/stand-down-literature-has-defeated-the-thought]

Abgesehen von der Tatsache, dass „in anderen Kulturen„ zu leben noch lange keine Garantie für rassismusfreies Verhalten ist (Siehe Südafrika) und der Humanismus den Kolonialismus hervorgebracht hat: Wenn Rassismus derartig kontrollierbar wäre, hätte Frau Rhode diesen Blogpost vermutlich nie geschrieben. Rassismus ist in den allerwenigsten Fällen, eine Entscheidung, die von Einzelnen bewusst getroffen wird. Rassismus ist eine historisch gewachsene Struktur, die unter anderem von der ständigen Wiederholung entmenschlichender Bilder lebt. Diese Bilder finden sich – gerade in Deutschland – überall. Sie bevölkern die Bücher unserer Kinder, sie bewerben seit über einem Jahrhundert Konsumgüter, von Schokolade über Zahnpasta bis hin zu Schuhcreme und sind in diesen Zusammenhängen fast nie “rassistisch gemeint”, beruhen jedoch auf kolonialrassistischen Propagandabildern, die es durchaus waren und beeinflussen ganz konkret die Art und Weise, wie Schwarze Menschen im deutschen Alltag wahrgenommen und behandelt werden. Sie haben soziale, ökonomische, epistemologische, rechtliche, ökologische ja sogar medizinische Auswirkungen, denn sie sind in Ihrem Kern entmenschlichend. Dies alles nicht zu wissen, nicht zu wollen, zu ignorieren oder der Versuch, dem Ganzen die eigene vermeintlich neutrale oder gar antirassistische “Intention” überzustülpen, vermag es nicht die komplexen Zusammenhänge historisch begründeter Identitäten, einer Globalen Arbeitsteilung, intersektionaler Machtverhältnisse, Wissensevaluation etc. aufzulösen. Dass viele derjenigen, die von rassistischen Bildern nicht negativ betroffen sind, dies für unverfänglich halten, liegt in der Natur der Sache.

Die Kritik an einer rassistischen Praxis mit dieser gleichzusetzen, wie Frau Rhode es versucht, scheitert schon allein an der Tatsache mehrerer Jahrhunderte kolonialer Gewalt. Ein „gleiches Recht für alle“ existiert dank Auschlüssen und Diskriminierung und vor allem Dank des Wissensvakuums im Bereich der Auseinandersetzung mit Rassismus in Deutschland gerade nicht. Eine solche Täter-Opfer-Umkehr hinterlässt daher einen faulen und fragwürdigen Geschmack.

2.) Bühnenwatch, Blackface und die Gefährdung der Kunstfreiheit

In Frau Rhodes Blogpost:

“Aber ich wünsche mir eine differenzierte Auseinandersetzung unter Beachtung des jeweiligen künstlerischen Ausdrucks. Eine „Null-Toleranz-Position“ wie von Bruce Norris gefordert und von vielen verfolgt ist nicht konstruktiv und führt an einem bewußtmachenden Weg zur Veränderung vorbei.”

“Sometimes people hold a core belief that is very strong. When they are presented with evidence that works against that belief, the new evidence cannot be accepted. It would create a feeling that is extremely uncomfortable, called cognitive dissonance. And because it is so important to protect the core belief, they will rationalize, ignore and even deny anything that doesn’t fit in with the core belief.”

- Frantz Fanon

Die Debatte um Blackface auf deutschen Bühnen scheint bei weißen deutschen Kulturschaffenden häufig vor allem eins auszulösen: Sorge. Augenscheinlich handelt es sich dabei um eine Sorge bezüglich der vermeintlichen Abschaffung der Kunstfreiheit, jedoch immer wieder auch, wie bei Frau Rhode, um die Sorge, dass ein Lernen, ein fröhliches Miteinander durch die klaren Forderungen einer marginalisieren Minderheit gefährdet würden.
Abgesehen davon, dass weder das Eine (Lernen), noch das Andere (fröhliches Miteinander) bisher in größerem Maße stattgefunden haben, mag es überraschen, dass es zumindest Bühnenwatch garnicht in erster Linie um Blackface geht:
In den letzten Jahren hat es durchaus einige Beispiele dafür gegeben, wie Blackface informiert und verantwortlich in künstlerischen Produktionen genutzt werden kann. Dazu gehört unter anderem Spike Lee’s Bamboozled. Der Unterschied zwischen Bamboozled und, sagen wir, dem Deutschen Theater ist die Tatsache, dass Spike Lee um das gewaltvolle Potential von Blackface und um dessen Geschichte weiß, vor allem aber, dass er genau dies thematisiert. Wie kommt es, dass Blackface in Deutschland – anders als in anderen Kontexten – zwar nach wie vor unbeschwert und regelmäßig praktiziert wird, eine tiefergehende Hinterfragung dieses Mittels sowie des mit ihm verknüpften Stereotyps, vor allem aber auch seiner Bedeutung für die Konstitution deutscher Identität und für deutsche Geschichte und Gegenwart niemals Teil der jeweiligen kutlurellen Produktionen ist?
Das Alles-sagen-dürfen-Wollen entpuppt sich als ein Nicht-Sprechen-Wollen über die eigenen koloniale Vergangenheit. Bevor das nicht stattgefunden hat, werden wir uns weiterhin auf einem Niveau bewegen, das mehrere hundert Kilometer sub-Spike-Lee liegt und die Verwendung von Blackface wird vor allem eines nicht sein: antirassistisch.
Blackface ist hier ein Symptom eines gesellschaftlichen Phänomenes, das koloniale Amnesie heisst. Es ist eine Triggerpunkt, der nur deshalb eine Debatte auslösen konnte, weil diese Debatte genauso unerwünscht ist, wie eine Veränderung der bestehenden Machtstrukturen. Der Diskurs um Blackface aber, ist eine Plattform auf der sich der Stand einer Auseinandersetzung in der Gesellschaft offenbart, die sich ihrer Rückständigkeit noch nicht gewahr genug ist, um sich dafür zu schämen.

Die Aktivist_innen von Bühnenwatch haben weder die Mittel noch das Bedürfnis, die „Kunstfreiheit“ abzuschaffen. Rassistische Bilder und Sprache werden in Deutschland auch weiterhin von Theatermacher_innen verwendet werden dürfen. Wir nehmen uns lediglich die Freiheit heraus, dies dann zu kritisieren.

3.) Wieso schaut ihr euch das Stück nicht erstmal an?

Bei Frau Rhode:

Als das nt-halle „Othello“ mit dem provizierenden Untertitel „Venedigs Neger“ zur Aufführung brachte widersprach BÜHNENWATCH der Einladung des Theaters mit den Worten: „Wir kommen Ihrer Aufforderung, uns das Stück anzusehen, daher gerne nach, sobald der Titel und die Plakate geändert wurden, worin sich dann die Intention, niemanden zu verletzen, materialisieren würde.
Andernfalls werden wir leider von einer weiteren direkten Kommunikation mit dem nt absehen [...] Ist es nicht sinnvoller in eine Auseinandersetzung einzutreten in Kenntnis eines Werkes?

“Sometimes you get a flash of what you look like to other people.” ― Zadie Smith, On Beauty

Liebe Frau Rhode, hierzu gibt es wirklich nur eins zu sagen. Ein Plakat, das einem überall in der Stadt das N-Wort entgegenschreit ist ein Affront, keine Einladung. Alltagsrassismus und Jahrhunderte kolonialer Gewalt von der Sie nicht negativ betroffen sind mal beiseite: Sicherlich würden Sie sich auch kein Stück ansehen wollen, dessen Titel Sie grob beleidigt, auch wen Sie hinterher eine schicke Einladungskarte erhalten (weil Sie sich beschwert haben). Mit noch größerer Sicherheit wären sie wohl verwundert, wenn ihre Kritik dann auch noch delegitimiert würde, WEIL sie ihre Beleidiger nicht auch noch mit Ihrer Anwesenheit im Stück und dessen Finanzierung belohnen möchten.

Schließlich haben sich auch die Mitarbeiten des nt-halle nicht die Mühe gemacht, sich mit der Geschichte des Wortes oder des verwendeten Stilmittels und vor allem den Standpunkten Schwarzer Menschen zu beidem zu beschäftigen.
Ist es nicht sinnvoller in eine Auseinandersetzung einzutreten in Kenntnis des Themas? Das N-Wort, Blackface und andere Erfindungen des Europäischen Imperialismus sind keine intellektuellen Übungen sondern Teil einer gewaltvollen Realität, der Schwarze Menschen in Deutschland ohnehin ständig schutzlos ausgesetzt sind.
Es braucht nicht die Kenntnis eines Stückes, um zu vertsehen, dass ein Plakat wie das des nt insbesondere im öffentlichen Raum, wo der Großteil der Menschen (Schwarze und Weiße, Kinder und Erwachsene) die es sehen, die die Produktion niemals besuchen werden, keinen anti-rassistischen oder neutralen Effekt haben KANN.

4.) Angriff auf die hilflosen Theaterindustrie

Weiter unten in den Kommentaren ergänzt Frau Rhode:

“Die Bühne ist ein schutzloser Ort, wenn man darauf spielt. Ich erwarte den Stil das zu erkennen und zu beachten. ”
————–
“There is the absurd hyperbole, to turn a victimiser’s culture into a victim”

- China Mieville

Die Gesellschaft ist ein schutzloser Ort, wenn mensch sich als Schwarze Person oder Person of color darin bewegt. Alltägliche Formen rassistischer Entmenschlichung und Erniedrigung finden als Teil der weißen Mehrheitskultur in Sprache und Bildern ihren Ausdruck.
Nie weiß Mensch, wann die nächst Bombe fällt.
Schauspieler_innen haben eine Verantwortung in der Wahl ihrer Rollen, gerade WEIL sie auf einer Bühne stehen, wo nicht nur weiße, sondern auch Schwarze Menschen sie sehen können. Sie sind nicht schutzlose Opfer anti-rassistischer Aggression. Ob jemand rassistische Bilder oder Sprache auf der Bühne reproduzieren möchte oder nicht, ist ihm/ihr selbst überlassen. Wer sich dafür entscheidet, muss mit den entsprechenden Reaktionen rechnen. Wenn Theatermacher_innen beginnen würden, sich ihr Publikum so zu imaginieren, dass es der Zusammensetzung der Gesellschaft entspricht, in der wir leben, würden sie möglicherweise etwas seltener auf rassistische Geschmacklosigkeiten zurückgreifen. Statt dessen würden sie vielleicht anfangen, darüber nachzudenken, wie es dazu kam, dass diese Geschmacklosigkeiten einen so wichtigen Platz in Ihrem Herzen einnehemen konnten.

“There is really nothing more to say-except why. But since why is difficult to handle, one must take refuge in how.”

- Toni Morrison

Wipe Off The Blackface Germany! with Lisa Dixon and Gyavira Lasana

Wipe Off The Blackface Germany!

by Stephanie Wilson

Is something rotten in Deutschland?  Apparently so.  I’ll have guests Gyavira Lasana, and old friend of the show, Lisa Dixon from the frontlines to discuss the delicate issue of blackface and the petition now being circulated.

Gyavira Lasana is a poet and playwright living in New York and Berlin. He has written extensively about the life of blacks in Germany for the past ten years.

Lisa Dixon has been a guest on the show several times.  She was one of the “Brown Babies” of Germany, the daughter of a German mother, and African American solidier.  Her story was one of many featured in the award winning documentary, “Brown Babies: The Mischlingkinder”.  She is an activist and very vocal in the campaign to end the practice of “blackface” in Germany.

http://www.huffingtonpost.com/2012/01/10/german-play-im-not-a-rapp_n_1197160.html

http://www.dailymail.co.uk/news/article-2038301/German-comedian-Martin-Sonneborns-blackface-Obama-billboard-causes-outrage.html

Unsere Position zum Projekt “Exhibit B” von Brett Bailey bei den Berliner Festspielen 2012

[Englich version below]

Vom 29. September bis zum 3. Oktober 2012 wird der südafrikanische Künstler Brett Bailey anlässlich des Programms “Foreign Affairs” der Berliner Festspiele sein Projekt “Exhibit B” im kleinen Wasserspeicher im Prenzlauer Berg zeigen.

Die Inszenierung „Exhibit B“ lehnt sich in ihrer Umsetzung an eine kolonialrassistische Tradition an: das Ausstellen von Schwarzen Menschen und Menschen of Color. Trotz vorgeblicher antirassistischer Intentionen, reproduziert Brett Bailey mit seiner Arbeit die Vorstellung von Afrikaner_innen als Objekten, die der Unterhaltung, dem Komfort oder, wie in diesem Falle, der Bildung weißer Menschen dienen. Der Künstler behauptet, in den Völkerschauen des 19. und 20. Jahrhunderts seien die Zurschaugestellten dem europäischen Blick ausgesetzt gewesen, in seiner Arbeit aber würde „der Blick umgekehrt“. Eine solche Umkehrung können wir nicht erkennen: Die Tatsache, dass die Ausgestellten „zurückblicken“ – wie Bailey in einem Interview hervorhebt – ist keinesfalls neu, sondern war bereits früher Teil widerständischer Strategien, die außerdem weit darüber hinausgingen. An den archetypischen rassistischen Konstellationen weiße_r Betrachter_in –S chwarze_r Betrachtete_r und weiße Aussteller_innen – Schwarze Zurschaugestellte ändert sich nichts. Schließlich sind es nicht weiße, sondern Afrikaner_innen, die für diese Arbeit über 45 Minuten lang teilweise unbekleidet still stehen.

Wir sehen das Andenken an all diejenigen, die der kolonialen Gewalt durch europäische Regime sowie der Willkür weißer Privatpersonen zum Opfer gefallen sind, durch dieses Projekt beschmutzt. Die Geschichten von Menschen wie Saartje Bartmann oder Angelo Soliman sind dem Großteil der deutschen Bevölkerung vor allem deshalb nicht bekannt, weil sowohl im Bildungswesen, als auch in der Kulturlandschaft sowie anderen Sphären des Alltags die längst überfällige kritische Beschäftigung mit deutscher Kolonialgeschichte und ihren traurigen, weltweiten Folgen ausbleibt und insbesondere kritische Schwarze Stimmen gezielt vom Diskurs ausgeschlossen werden. Die Reinszenierung – wie auch immer abgeändert – ihrer entwürdigenden Zurschaustellung ist einem angemessenen Gedenken an diese Menschen nicht dienlich. Darüber hinaus löst sie zwar bei weißen Scham aus, trifft jedoch keinerlei Aussage über die Ursachen und Mechanismen von Rassismus, so dass sie auch keine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus fördert. Schwarzen Zuschauer_innen ihre alltäglichen Rassismuserfahrungen ungebrochen vorzuhalten, ist kein Antirassismus. Schmerzvolle Schwarze Geschichte dient hier der Karrierebeförderung weißer Akteur_innen und der Gewissensbefriedigung einer weißen deutschen Öffentlichkeit, die sich für die Perspektiven und Belange ihrer Schwarzen Mitbürger_innen, sofern von diesen selbst geäußert, sonst nicht interessieren.

„Exhibit B“ ist eine Reproduktion rassistischer Bilder ohne pädagogischen Mehrwert. Wir rufen alle unsere Unterstützer_innen dazu auf, gegen die Ausstellung von Brett Bailey im Rahmen von “Foreing Affaires”  bei den Berliner Festspielen zu protestieren, die vom  vom 29. September bis zum 3. Oktober gezeigt wird.

Anmerkung: editiert im Hinblick auf die Schreibweise von “weiß”.

 

[English Version]

Our Position towards the Project “Exhibit B” by Brett Bailey at the Berliner Festspiele 2012

From  29th September to 3rd October 2012, the South African artist Brett Bailey will be introducing his project “Exhibit B” on the occasion of the programm “Foreign Affairs” of the Berliner Festspiele at the “Kleiner Wasserspeicher” in Prenzlauer Berg.

The imagery of the production „Exhibit B“ is following a colonial racist tradition: The exhibition of Black people and People of Color. Despite claiming his seemingly anti-racist intentions, Brett Bailey reproduces the idea of Africans as objects, serving purposes of entertainment, comfort or, in this case, the education of white people. The artist claims that the people exhibited in the „Völkerschauen“ of the 19th and 20th century were exposed to the European gaze – and that his work „reverses“ this gaze. We cannot see any reversion here: The fact that the exhibited Black people are „looking back“ into the audience – as Bailey highlights in an interview – is nothing new, but has always been part of resistance strategies, which also consisted of much more than that. There is no change in the archetypical constellations white observer – Black observed and white organizer – Black exposed. After all, it is not whites, but Black Africans that are standing motionless for over 45 minutes – some of them almost naked.

We see the memory of all the victims of colonial violence through European regimes and the despotism of white individuals befouled by this project. The stories of people like Saartje Bartman or Angelo Soliman are unknown to most Germans first and foremost due to the fact that a long overdue critical analysis of the German colonial past and its saddening, worldwide consequences has so far not taken place, be it in the educational, the cultural or other spheres of everyday life. Especially critical voices of Black and People of Color are purposefully excluded from the discourse. The re-enactment – albeit with changes – of their debased exposure does not serve an appropriate commemoration.
The staging will purge feelings of shame in white people, but there is no analysis of sources and mechanisms of racism, so there is no fostering of a critical discussion.
It is not anti-racist to mirror their own everyday experiences of racism to Black members of the audience. Here, painful Black history is being abused to advance the careers of white protagonists and to soothe the bad conscience of a white audience that is constantly ignoring the voices of their Black fellow citizens.

„Exhibit B“ is an reproduction of racist imagery without any educational benefit. We are calling all our supporters to protest against Brett Bailey’s “Exhibit B” which is shown during “Forein Affaires” at the Berliner Festspiele 2012  from 29th of September to 3rd of October.

 

(K)eine Frage der Kunstfreiheit – Artikel von André Vollrath

1. Widersprüche

In letzter Zeit wurde von Journalisten immer wieder vorgebracht,die Kritik am rassistischen Stilmittel des „Blackfacing“gefährdedie Kunstfreiheit. In Reaktion auf das Weglassen von „Blackface“in Michael Thalheimers Inszenierung von „Unschuld“  am DeutschenTheater fragt z.B. der Journalist Ulrich Seidler in einem Artikel inder Berliner Zeitung vom 23.03.12: „Darf das Theater sich von verletzten Zuschauern die künstlerische Freiheit nehmen lassen?“[1]Und an anderer Stelle im selben Artikel fallen im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung und der Diskussion von Bühnenwatch mit demDT, auf welche die Absetzung des Stilmittels gefolgt war, Vokabelnwie „diktatorisch“ und „grenzwahnhaft“.

Diese Worte rufen Assoziationen an die deutsche Vergangenheit und zwei Diktaturen auf, in denen die Freiheit der Kunst nichts galt. Und reflexhaft ist man versucht zu antworten: „Was, die Kunstfreiheitist bedroht? Halt, das geht zu weit!“ Das Wort „Kunstfreiheit“wird mit Begriffen wie Humanität, Offenheit, Respekt gegenüberAndersdenkenden, individuelle Entfaltung etc. in Verbindung gebracht.Es entsteht ein assoziatives Panorama von Werten, die zumindest aufdem Papier die Grundlage unseres demokratischen Gemeinwesens bilden.Die überwiegende Mehrheit in Deutschland würde diesen Werten wohlspontan zustimmen und sie verteidigen. Daher funktioniert es so gut,das Wort „Kunstfreiheit“ in Diskussionen fallen zu lassen: Sofortkann man nahezu rückhaltlose Zustimmung erhalten, ohne argumentierenzu müssen und/oder genauer zu definieren, was damit in diesemZusammenhang eigentlich gemeint ist und ob es tatsächlich – indiesem Zusammenhang – darum geht. Tritt man einen Schrittzurück und schaut genauer hin, wird allerdings schnell klar, dassdie Rede von der Bedrohung der Kunstfreiheit eine fruchtbareDiskussion um „Blackface“ und rassistische Darstellungsformen andeutschen Bühnen blockiert und Hindernisse schafft, wo keine sind.

Das beginnt mit der Einsicht, dass das Beharren auf „Blackface“im krassen Widerspruch zu Werten wie Humanität, Offenheit undRespekt gegenüber Andersdenkenden steht. Wie kommt es, dass den Journalisten, die im Namen der Kunstfreiheit Bühnenwatch pathologisieren, dieser innere Widerspruch nicht auffällt? Wie kann es sein, dass sie Schwarze und weiße Aktivist_innen, die sich gegen Rassismus engagieren, im Namen von humanistischen Werten beschimpfen und diskreditieren?

2. Rassismus? Na, ja, das sind doch diese Neonazis!

Eine Erklärung für dieses Verhalten könnte sein, dass dieseJournalist_innen nicht wissen, worüber sie sprechen. Offenbar wissen sie nicht, worum es bei dem Thema Rassismus geht. Und dass das soist, ist leider nichts Außergewöhnliches, sondern deutscheNormalität und bereits Teil der ja nicht allein von Bühnenwatchkritisierten rassistischen Struktur, in der Menschen, diegesellschaftlich als „weiß“ verortet werden, sich überRassismus keine Gedanken machen müssen, wenn sie nicht wollen. Denndieses Privileg haben Menschen, die in Deutschland als „schwarz“verortet werden, nicht. Continue reading

Lesenswerter Artikel über Zensur: Wer zensiert hier eigentlich wen?


Liebe Freund_Innen von Bühnenwatch,

falls ihr ihn noch nicht gelesen habt,  hier ist ein Artikel über Zensur und Freiheit indiversen Kontexten zu finden: respectmyfist – KLICK.

Auszug:

“”Der Zensurvorwurf ist ein Mittel um sich nicht mit eigenen Privilegien auseinandersetzen zu müssen und jene mundtot zu machen, die kritisieren, intervenieren, von Diskriminierung betroffen sind und/oder sich auflehnen. Wenn ich Kritik von mir abwende, muss ich mein Musik_Kunstverständnis nicht hinterfragen. Ich muss mir auch nicht eingestehen, dass ich sexistische, homophobe und rassistische Strukturen und somit das herrschende System durch mein Handeln stabilisiere.”

 

Sehr geehrtes neues theater halle,

 

Mit Erstaunen verfolgen wir die Diskussion, die um Ihre Inszenierung “Othello. Venedigs N…” entflammt ist. Es ist uns nach wie vor unklar, weshalb der Titel des Stücks sowie die Plakate, die es in der Stadt Halle bewerben, mit einem rassistischen Begriff versehen worden sind.

 

Der Begriff “Neger” hat in Deutschland eine lange, traurige und gewaltvolle Tradition und steht auch heute noch sowohl für die systematische Entmenschlichung und folglich Entrechtung Schwarzer Menschen sowie die Konstruktion einer weißen, überlegenen Identität. Fakten, die die Lebensrealitäten von Schwarzen und weißen Menschen prägen. Es leben heute mehrere hunderttausend Schwarze Menschen in Deutschland, für die das N-Wort nur einer von vielen Aspekten des Alltagsrassismus ist, mit dem sie sich konfrontiert sehen. Zahlreiche Schwarze Initiativen, darunter Brothers Keepers e.V., der unter anderem auch Xavier Naidoo angehört, und die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), haben sich in den letzten Jahrzehnten gegen den Begriff und seine Verwendung ausgesprochen. Auf Ihrer Facebook-Seite finden Sie zudem ausführliche Hinweise zu (meist) online frei zugänglichen Artikeln und wissenschaftlicher Literatur zu diesem Thema. Jüngste Ereignisse in Deutschland (wie etwa die NSU-Morde oder das Auftauchen rassistischer Karikaturen in Polizei-Kalendern) dürften deutlich gemacht haben, dass Rassismus in Deutschland ein noch lange nicht bewältigtes Problem darstellt. Auch die Positionierung des nts in der Diskussion um den Titel des Theaterstücks zeigt, dass eine wirkliche Beschäftigung mit Rassismus als Struktur – und Weißsein als privilegierter Position innerhalb dieser Struktur – nicht stattfindet.

 

Die Berufung auf die “künstlerische Freiheit” greift hier zu kurz, zumal es sich bei der Kritik zunächst um eine Aufforderung zum verantwortlichen und respektvollen (sprachlichen) Handeln und nicht -  wie so oft unterstellt – um eine Inquisition oder die Forderung nach einem gesetzlich verankerten Verbot handelt. Gerne wird auf die Rolle von Künstler_innen als Aufrührer_innen und Provokateur_innen verwiesen. Es erschließt sich nicht, welchem Zweck diese “Provokation” (Hörnigk) dient, wenn sie keine herrschaftskritische Auseinandersetzung mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen und der eigenen Positionierung als Individuum bzw. Institution darin leistet, sondern, im Gegenteil, diese Strukturen affirmiert: Eine Provokation/Beleidigung/Traumatisierung von Menschen, die in ihrem Alltag mit struktureller Gewalt und Diskriminierung zu kämpfen haben, kann nicht zielführend sein und dient letztlich ausschließlich dem Erhalt jener bereits vorhandenen gesellschaftlichen Machtstrukturen und weißer Privilegien.

 

Auch die Aufforderung seitens etlicher Kommentator_innen in der Diskussion auf der Facebookseite des neuen theaters, “sich das Stück doch erst einmal anzusehen”, bevor man Kritik üben dürfe, geht leider an der Problematik vorbei, da die Verwendung und Wirkung eines rassistischen Begriffs auf Plakaten im öffentlichen Raum/innerhalb eines Stücks/Titels nicht durch den Inhalt des Stückes oder die Intention der Macher_innen aufgehoben werden kann. Abgesehen davon, dass ein entstandener Schaden (z.B. bei einem Schwarzen Kind, dem das N-Wort im Alltag auf gewaltvolle Weise immer wieder begegnet, und das auf dem Weg in die Schule an diesen Plakaten vorbei muss) durch die dahinter stehende Absicht nicht vermindert wird, ist diese so oder so völlig unüberprüfbar und somit irrelevant.

 

In Ihrer Stellungnahme auf Facebook haben Sie außerdem selbst Wert auf die Aktualisierung (bezogen u.a. auf die “Moral und sprachliche Entwicklung”) der Shakespeare-Thematik Wert gelegt: Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern wird immer aus und in Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Strukturen heraus geschaffen, die sie umgeben. Insofern ist es auch Aufgabe der Kunst, sich mit den Stimmen, die zunächst überhört werden, aber immer lauter sprechen, den Dingen, die zunächst übersehen, aber immer offensichtlicher werden, und vor allem mit der eigenen Positionierung auseinanderzusetzen. Eine Verwendung rassistischer Begriffe als Mittel der Provokation ist in unserer Zeit so unangemessen und inakzeptabel wie schon immer.

 

Wir kommen Ihrer Aufforderung, uns das Stück anzusehen, daher gerne nach, sobald der Titel und die Plakate geändert wurden, worin sich dann die Intention, niemanden zu verletzen, materialisieren würde.

Andernfalls werden wir leider von einer weiteren direkten Kommunikation mit dem nt absehen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Bühnenwatch

Unsere Stellungnahme zur Sendung auf Deutschlandradio Kultur am 13.04.2012

Am 13.04. 2012 sendete Deutschlandradio Kultur die Sendung “Wenn Weiße Schauspieler Schwarze spielen: Die Blackfacing-Debatte aus Deutschland”, bei dem sich der hausinterne „Theaterkritiker“ Michael Laages völlig unfundiert und unkorrigiert zum Thema Blackfacing auslassen durfte. Bemerkenswert war auch die Position des Moderators. Gleich zu Beginn offenbarte er, dass er nur wenig Verständnis für die Diskussion hat (und damit seiner journalistischen Verantwortung nicht gerecht wird).

Hier nun eine Richtigstellung der falschen Einschätzung der aktuellen Blackface-Debatte, eine kurze Einführung zum wirklichen Ursprung von Blackface und zur Situation Schwarzer Schauspieler_innen und Schauspieler_innen of Color an deutschen Theaterbühnen:

Auf die Frage, ob mit der Kritik an Blackfacing ein Missstand aufgezeigt, oder übertrieben political correct „Rassismus geschrien“ wird, verweist Herr Laages gleich zu Beginn des Interviews auf einen Missstand, den es angeblich nur in anderen Ländern, aber nicht in Deutschland gibt. In diesen (welchen eigentlich? Anm. der Red.) sei Blackfacing ein Missstand, da es dort eine nennenswerte Minderheit oder gar Mehrheit von Schwarzen Schauspieler_innen gibt, und somit kein Grund bestünde, zu blackfacen. Seines Wissens nach sei das in Deutschland nicht der Fall, sondern es bestünde eher eine Unterbesetzung an Schwarzen, (er korrigiert sich) Farbigen (sic!) Schauspieler_innen. Der eigentliche Missstand in Deutschland sei, dass hier auf jede noch so „abgedrehte“ Debatte aufgesprungen würde, die aus den USA zu uns herüber schwappt, und wir uns damit massiv lächerlich machen.

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Die Bequemlichkeit der Definitionshoheit

von Lara-Sophie Milagro auf nachtkritik.de

28. März 2012. Der Aufschrei ist groß unter Theatergängern, Intendanten, Schauspielern, Journalisten und Kritikern: Sie alle nehmen Weltoffenheit und antirassistisches Denken und Handeln für sich in Anspruch und sind nicht gewillt, dieses sorgsam gepflegte Selbstbild so einfach aufzugeben. So war man denn auch zu Beginn der Blackfacing-Debatte vor allem damit beschäftigt, sich gegenseitig von jedwedem Rassismus frei zu sprechen: “Es ist ebenso rassistisch, wenn Weiße keine Schwarzen spielen dürfen – und es ist gerade rassistisch, wenn Schwarze Schwarze spielen”, so ein häufiges Argument. Oder: “Das Stück war ja anti-rassistisch, darum kann das darin verwendete Blackfacing ja gar nicht rassistisch sein”, als ob der Zweck alle Mittel heiligen würde. Nicht minder ignorant waren die nicht enden wollenden Verweise auf die künstlerische Freiheit, den vermeintlichen (“positiven”) Rassismus der Protestierenden, die Qualität einzelner Inszenierungen oder die schauspielerischen Fähigkeiten einzelner schwarzer Schauspieler. [...]

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Privilege Denying Dude pro Blackface

Entstanden in einer Onlinediskussion mit Blackface-Befürworter_Innen:

Privilege Denying Dude zum Thema Blackface. 

Peu a peu werden wir eine Sammlung der abgeschmacktesten und absurdesten Sprüche  aus den Diskussionen rund um das Thema Blackface  an deutschen Theatern anlegen und hier publizieren.

Die Memes können mit Hilfe dieser Webseite selbst erstellt werden. Viel Spaß dabei!