​Zu Sebastian Baumgartens Inszenierung “Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von Bertol​t​ Brecht

 

Beim diesjährigen 50. Theatertreffen, das von den Berliner Festspielen ausgerichtet wird,  wurde eine Inszenierung unter die 10 ausgezeichneten Inszenierungen gewählt, die mit Blackfacing und anderen rassistischen Mitteln arbeitet.  Wir haben dazu einen offenen Brief verfasst: 

An

Frau Intendantin Barbara Frey und Herrn Intendanten Thomas Oberender

Frau Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens

Herrn Vasco Boenisch, Juror

Frau Anke Dürr, Jurorin

Frau Ulrike Kahle-Steinweh, Jurorin

Herrn Christoph Leibold, Juror

Frau Daniele Muscionico, Jurorin

Frau Christine Wahl, Jurorin

Herrn Franz Wille, Jurorin

Herrn Sebastian Baumgarten, Regisseur

Frau Andrea Schwieter, Chefdramaturgin und stellv. Intendantin

“Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von Bertolt Brecht in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten

Berlin, 16. Mai 2013

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir schreiben Ihnen, um die Inszenierung des Stückes „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ im Hinblick auf die (Re)produktion und Unterstützung von rassistischen Bildern zu kritisieren.

Die Absicht, Brechts Text neu zu lesen und mit den Mitteln des Theaters auf die historischen, politischen und sozialen Veränderungen der Welt zu reagieren, wird durch die Verwendung diffamierender, diskriminierender und stereotypisierender Zeichen konterkariert. An der Behauptung, Kapitalismus hätte früher keine globalen Ausmaße gehabt, wird unter anderem deutlich, dass sich Herr Baumgarten der historischen Bedeutung des Kolonialismus und dessen gegenwärtigen Auswirkungen nicht bewusst ist.

Sie als Verantwortliche für diese politische und letztlich auch künstlerische Fehlleistung hatten mehrere Möglichkeiten, Ihre konzeptionellen, inszenatorischen und kulturpolitischen Entscheidungen zu überdenken und zu revidieren. Diese Möglichkeiten haben Sie nicht wahrgenommen und Kritik als haltlos zurückgewiesen. In Bezug auf den Rassismus der Inszenierung haben sich bereits mehrere kritische Stimmen gemeldet, z.B. Henrike Terheyden, Summer Banks und Eva Biringer auf www.theatertreffen-blog.de oder Holger Syme auf www.dispositio.net. Wir würden eine Diskussion und Annahme dieser Kritik sehr begrüßen.

Die in der Inszenierung verwendeten Zeichen enthalten enormes Gewaltpotenzial. Es werden rassistische Stereotype und Stilmittel verwendet, ohne dass diese im Rahmen des Stücks kritisiert, besprochen oder kontextualisiert würden. Die Darstellung einer “Afrikaner_in” durch das in den letzten Monaten ausführlich diskutierte und von Schwarzen Menschen immer wieder kritisierte Stilmittel Blackface ist nicht das einzige rassistische Stilmittel der Inszenierung. Auch andere Kolonialfantasien werden wieder zum Leben erweckt, etwa wenn das Kostüm der Frau Luckerniddle durch ein künstliches, besonders großes Hinterteil ergänzt wird. Diese Zeichen sind weltweit Synonyme für jahrhundertelange Unterdrückung von Schwarzen Menschen und Menschen of Color durch Weiße. Sie stehen für Versklavung, Deportation, Mord, Völkermord, Ausbeutung, Landnahme, soziale Ausgrenzung und die Betonung der weißen Vorherrschaft. Zu behaupten, diese Zeichen wären rein ästhetische und darüber hinaus neutral, bedeutet die Leugnung dieser (gemeinsamen) Geschichte.

Die stereotypen Darstellungen beschränken sich allerdings nicht nur auf die rassistisch konnotierten Aspekte der Figur der Frau Luckerniddle. Auch die Darstellung des Hauswirts Mulberry fällt in diese Kategorie, ebenso der vorgeblich “jüdische Akzent” des Graham. Eine kapitalismuskritische Intention der Inszenierung rechtfertigt nicht die Verwendung solch drastischer Stereotypen, die auf Machtverhältnissen beruhen, die längst noch nicht überwunden sind. Vielmehr steht die Wiederholung verletzender Klischees dieser Absicht entgegen. Einer selbstkritischen oder ironischen Verwendung solch aufgeladener Mittel fehlt bisher die Grundlage einer breiten kritischen Debatte. Einer solchen Debatte wird auch nicht zugearbeitet, wenn diese Klischees einfach nur wiederholt und nicht dekonstruiert oder kontextualisiert werden.

Auf die Worte „Die Kunst ist frei“ darf kein „Aber“ folgen. Die Verantwortung, die Kulturschaffende tragen, lässt sich jedoch genauso wenig negieren. Theater findet nicht im luftleeren Raum statt – deshalb bleibt es notwendig, verantwortlich mit dessen Inhalten und Mitteln umzugehen und sich über mögliche gesellschaftliche Auswirkungen im Klaren zu sein. Die ungebrochene und unreflektierte Verwendung rassistischer Bilder wie in diesem Fall fördert innerhalb und außerhalb des Theaters nur eines – Rassismus.

Grada Kilomba sagt über die kontinuierliche Verwendung rassistischer Zeichen und Sprache: „Es ist ein gutes Beispiel wie Rassismus durch eine Machtdefinition bewilligt wird, das heißt die, die Rassismus praktizieren, haben nicht nur den Glauben an das Richtige ihrer Sache, sondern auch das Privileg und die Macht zu definieren, ob bestimmte Begriffe und Zeichen rassistisch oder diffamierend gegenüber denen sind, die diskriminiert werden. Eine absurde Situation, da die Perspektiven, die Definitionen und das Wissen von denen, die Rassismus erleben, absolut irrelevant werden.“ (HINTERLAND MAGAZINE, Ausgabe #15)

Es scheint uns, als habe Herr Baumgarten bei dieser Inszenierung weder Schwarze Menschen, noch Menschen of Color als potentielles Publikum mitgedacht.

Herrn Oberender und Frau Büdenhölzer fordern wir auf, vor Ablauf des Theatertreffens eine Möglichkeit zur öffentlichen Diskussion der Vorgänge zu schaffen. Sie als Vertreter des von öffentlicher Hand geförderten Kunstbetriebs haben die Macht und die Mittel dazu. Nutzen Sie sie!

Mit besten Grüßen

BÜHNENWATCH

 

Dem offenen Brief ging bereits eine Reihe an Kritik voraus die wir mit folgender Linksammlung dokumentiert haben:

 

 

Holger Syme: Brecht, Baumgarten, Blackface (en)

“As a consequence, the entire satire of the production, to the extent that it worked, seemed to target things that have long ago become their own best self-parody. In that regard, at least, the racial stereotype seemed of a piece with the rest of the show: beyond its offensiveness, it just felt dated.”
http://www.dispositio.net/archives/1571


Henrike Terheyden: Kunstmittel oder Beleidigung? Vier Stimmen zum Blackfacing in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ (dt)

“Bis jetzt hat es noch keine Diskussion darum im Rahmen des Theatertreffens gegeben, und das, obwohl die öffentliche Debatte noch so jung ist. Wo ist diese Diskussion? Ich unternehme den Versuch, vier verschiedene Stimmen hier zu Wort kommen zu lassen, Simone Dede Ayivi und Atif Hussein von Bühnenwatch, Sebastian Baumgarten, Regisseur, und Andrea Schwieter, Dramaturgin bei der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“, in genau der Reihenfolge, in der ich die Gespräche geführt habe.”

http://www.theatertreffen-blog.de/tt13/die-heilige-johanna-der-schlachthoefe/kunstmittel-oder-beleidigung-vier-stimmen-zum-blackfacing-in-der-heiligen-johanna-der-schlachthofe/

 

Summer Banks:  Blackface fail (en)

“Yes, blackfacing is a tool for presentation. And it’s been used to propagate negative stereotypes for centuries. To put this technique on stage and not create a venue within the work for the analysis and questioning of this historic usage deliberately ignores the explosive nature of this “tool of art”.”

http://www.theatertreffen-blog.de/tt13/die-heilige-johanna-der-schlachthoefe/blackface-fail/

Eva Biringer: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. 28 Zeilen schlechte Laune (dt)

http://www.theatertreffen-blog.de/tt13/die-heilige-johanna-der-schlachthoefe/die-heilige-johanna-der-schlachthofe-28-zeilen-schlechte-laune/

 

Nachtkritik:

Kai Bremer: Spiel mir das Lied vom Cowboy-Kapitalismus (dt)http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7294%3Adie-heilige-johanna-der-schlachthoefe-sebastian-baumgarten-gibt-brecht-in-zuerich-als-kinoklassiker&catid=65&Itemid=1

Kurzrezension der Premiere beim 50. Theatertreffen:

http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8110%3Adie-heilige-johanna-der-schlachthoefe-der-shorty-zum-gastspiel-beim-theatertreffen-2013&catid=685%3Ashorties&Itemid=1

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Summer Banks:

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Einladung zur Infoveranstaltung: „Kann es denn rassistisch sein, wenn ich es nicht rassistisch meine?“

Einladung zur Informationsveranstaltung

„Kann es denn rassistisch sein, wenn ich es nicht rassistisch meine?“ 
Weißsein, Theater & die Normalität rassistischer Darstellung

Impulsvortrag und Gespräch mit
Julia Lemmle, Performerin und Dozentin
Lisa Scheibner, Schauspielerin und Kulturwissenschaftlerin
Aktivistinnen der Initiative Bühnenwatch

Zeit: am MITTWOCH, 27. JUNI 2012, 19:00-21:00 UHR

Ort: Berlin, Institut für Asien- und Afrikawissenschaften
Invalidenstraße 118, Raum 315 (3.Stock)

Im Zusammenhang mit der Kritik an weißen Theaterschaffenden, die „Blackface“ als rassistische Darstellungsform verwendeten, wurden und werden Kritiker_innen als kulturfeindliche und diktatorisch handelnde „Grenz-Wahnsinnige“ diffamiert. Die Informationsveranstaltung möchte einige dieser üblichen Abwehrstrategien darstellen und deren Herkunft und kulturgeschichtliche Kontinuität im Zusammenhang mit Kolonialgeschichte und weißer Definitionshoheit erläutern.

Wir freuen uns darauf, Euch dort zu sehen!

Lesenswerter Artikel über Zensur: Wer zensiert hier eigentlich wen?


Liebe Freund_Innen von Bühnenwatch,

falls ihr ihn noch nicht gelesen habt,  hier ist ein Artikel über Zensur und Freiheit indiversen Kontexten zu finden: respectmyfist – KLICK.

Auszug:

“”Der Zensurvorwurf ist ein Mittel um sich nicht mit eigenen Privilegien auseinandersetzen zu müssen und jene mundtot zu machen, die kritisieren, intervenieren, von Diskriminierung betroffen sind und/oder sich auflehnen. Wenn ich Kritik von mir abwende, muss ich mein Musik_Kunstverständnis nicht hinterfragen. Ich muss mir auch nicht eingestehen, dass ich sexistische, homophobe und rassistische Strukturen und somit das herrschende System durch mein Handeln stabilisiere.”

 

Bühnenwatch beim Deutschen Theater Berlin

Hier ist der Stand in der anti-blackface Diskussion mit dem Deutschen Theater – am 21.3. wird es sich im Ergebnis weisen, wie ernst das DT die Kritik nimmt: dann ist die nächste Aufführung von “Unschuld”.

Ihre Kritik am Einsatz von blackface erläuterten am Dienstag, den 13. März 2012, Vertreter_innen von Bühnenwatch im Gespräch mit dem Deutschen Theater. Anlass ist der Auftritt zweier schwarz geschminkter weißer Schauspieler in der Inszenierung „Unschuld“ von Michael Thalheimer. Bühnenwatch erläuterte im Gespräch ausführlich die gegenwärtig immer noch bestehende rassistische Konnotation von blackface, die auch nicht (von weißen Theatermacher_innen) umgedeutet und dann als anti-rassistisches Mittel verwendet werden kann. Die Absicht der Inszenierung, über Rassismus zu reflektieren und die weiße Sicht auszustellen, wurde von Bühnenwatch als positives Anliegen wahrgenommen. Dass „Unschuld“ dieser Absicht nicht Genüge getan hat, hat das Theater, das von Ensemblemitgliedern, Dramaturgie und Intendanz vertreten wurde, akzeptiert. Durch die Einladung an Bühnenwatch hatte es bereits Gesprächs- und Lernbereitschaft signalisiert, die in der Diskussion noch einmal deutlich wurden. Auch die Aufforderung, sich als Theater durch Seminare, Workshops etc. zum Thema Rassismus weiterzubilden, wurde als Vorschlag positiv aufgenommen.

In der Diskussion bezog sich das Deutsche Theater immer wieder auf die Idee der „Kunstfreiheit“, die durch ein Weglassen des blackface gefährdet sei. Bei diesem häufigen „Gegenargument“ scheint das Bewusstsein für die grundsätzliche Problematik von Herrschafts- und Machtverhältnissen nicht präsent. Weil auf ein rassistisches Mittel verzichtet wird, endet nicht die Kunstfreiheit. Zweitens stellt sich nach wie vor die Frage, wer in welcher privilegierten Position sich anmaßt zu definieren, welche Mittel angemessen sind, und wer zu akzeptieren hat, dass er_sie dadurch entwürdigt wird. Bühnenwatch wies darauf hin, dass auch der „freie“ Raum der Kunst mitnichten frei ist, weil er sich in gesellschaftspolitischen Strukturen befindet, in ihnen agiert, weil alle daran Beteiligten, durch Sozialisation geprägt, eine Sichtweise haben, die nicht in der Lage ist, „neutral“ zu urteilen.

Letztlich geht es darum, als Theater die Verantwortung zu übernehmen und sich zu entscheiden, welche Art von Theater produziert werden soll: eines, in dem die dominante Sichtweise unter dem Deckmantel der „Kunstfreiheit“ weiterhin die Perspektive derjenigen, die von Ausschluss betroffen sind, als unwesentlich und theaterfremd ignoriert – oder eines, das dem eigenen Anspruch, Machtverhältnisse wie Rassismus kritisch zu reflektieren, gerecht wird und nicht länger die Deutungshoheit für sich beansprucht – sondern die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung anerkennt und deshalb davon Abstand nimmt, Schwarzen Menschen zu erklären, wann und wodurch sie entwürdigt werden.

Das Deutsche Theater will nach dem Gespräch zu einer Entscheidung darüber kommen, ob die nächste Aufführung mit blackface stattfindet oder ohne. Dieser Termin ist der 21. März – der Internationale Tag gegen Rassismus. Nach der Vorstellung soll außerdem ein Publikumsgespräch mit den Schauspieler_innen stattfinden. Bühnenwatch fühlt sich durch das Gespräch in der Hoffnung bestärkt, dass das Deutsche Theater sich bereit sieht, einen wichtigen Schritt in der Ächtung rassistischer Darstellung und der Anerkennung der Perspektive Betroffener zu tun – und „Unschuld“ zukünftig ohne blackface aufzuführen.

Nächste Aufführung von „Unschuld“
Mittwoch, 21. März 2012 um 20.00 im Deutschen Theater
Schumannstr. 13a, 10117 Berlin
Anschl. Publikumsgespräch – Bühnenwatch wird anwesend sein

Erste Intervention/Aktion gegen BLACKFACE an deutschen Theaterbühnen

Sonntag, 12.02.2012 19:30 “Unschuld” Deutsches Theater Berlin
Um 19:30 trat Elisio (gespielt von Andreas Döhler) im Gegenlicht auf. Als er die Bühnenkante erreichte, stand er im vollen Licht – ein weisser Schauspieler mit schwarzer Schminke im Gesicht und übertrieben rot gemalten Lippen. Eine deutliche Reproduktion der blackface-Maskerade in rassistischen, sogenannten ministrel-Shows. Diesen Anblick konnten 42 Zuschauer_innen an diesem Abend nicht ertragen und verließen ohne viel Aufhebens den Saal des Deutschen Theaters. Die erste öffentliche Intervention gegen die Verwendung des Blackface.

Folgende Flyer wurden nach der Vorstellung von uns dem restlichen Publikum ausgehändigt. Auf der einen Seite war dieser Text zu lesen:

Auf der anderen Seite war jeweils eins der folgenden, mittlerweile schon oft gehörten Argumente zu lesen:

 

Reaktion des Theaters auf die Intervention: Sonja Anders, Chefdramaturgin des Deutschen Theaters, kam nach der Vorstellung auf uns zu und suchte den Dialog. Sie bot uns darüber hinaus die Organisation eines ausführlichen Gesprächs mit den Mitgliedern der Produktion “Unschuld” an. Wir nehmen dieses Angebot sehr gerne an und betonen, dass uns an einer reinen Protesthaltung nichts gelegen ist, sondern ausschließlich daran, eine diskriminierende Praxis zu beenden, was nur mit den Verantwortlichen gemeinsam möglich ist. Wir bitten daher auch Journalisten, die diesen Text lesen, unsere Aktion nicht als Angriff auf einzelne Personen darzustellen, sondern als Versuch, auf ein Problem in der deutschen Theaterlandschaft hinzuweisen, für das die Inszenierung am Deutschen Theater nur als ein Beispiel von vielen steht. Unser Anliegen ist es, Diskriminierung und Strukturen, die Diskriminierung befördern, mit den Verantwortlichen zu verändern.

Wir bleiben dran!

 

Vielen Dank an alle Unterstützer_innen der Intervention am Sonntag, 12.02.2012 am Deutschen Theater Berlin.

Wir waren alle sehr gerührt, dass wir 42 Menschen waren, die sich gleichzeitig von ihrem Sitz erhoben und daraufhin den Saal verließen.
Wir konnten somit ein erstes und deutliches öffentliches Zeichen gegen Blackface an deutschen Bühnen setzen. 
Danke und weiter so!