Interview #2

Ein weiteres Interview zum Thema mit einer Schwarzen deutschen Schauspielerin (Name ist der Redaktion bekannt):

BW: Wie haben Sie persönlich von den Vorgängen rund um das Schlosspark-Theater erfahren und inwieweit fühlen Sie sich von der Kritik an der gängigen Praxis des “Blackfacing” in Deutschland betroffen?

Ich bin in Berlin an einem Plakat für das Stück vorbeigefahren und war entsetzt. Als Mensch schwarzer Hautfarbe fühlt man sich durch so eine „Werbung“ einfach nur beleidigt.

BW: Im Mittelpunkt der Kritiker_innen des “Blackfacing” steht die fortgesetzte Praxis desselben, die einer rassistischen Tradition aus den USA folgt und die von den Verantwortlichen des Schlosspark-Theaters damit begründet wird, dass es im Stückrepertoire der deutschen Bühnen an Rollen mangele für Schwarze Schauspieler_innen. Wie sind Ihre Einschätzungen hierzu und teilen Sie diese Auffassung?

Ich kenne mich leider zu wenig an deutschen Theatern aus. Aber meine Frage wäre, wenn Weisse „schwarze“ Rollen spielen, müsste das doch im Umkehrschluss auch bedeuten, dass Schwarze folgerichtig auch „weisse“ Rollen übernehmen können müssten. Zum Thema Blackfacing: Unsere englischen Nachbarn scheinen da sehr viel sensibler zu sein. Als Kate Moss auf dem Titel der Vogue als „Afrikanerin“ erschien, gab es eine Welle der Entrüstung. Ebenso wurde 2007 im Ausland sehr kritisch die Unicef-Anzeigen-Kampagne betrachtet, in der die Agentur Jung von Matt weiße Kinder mit „dreck-beschmierten“ (Blackface) Gesichtern für Spenden für „die armen Kinder in Afrika“ werben ließ. Komischerweise gab es diese UNICEF- Kampagne nur in Deutschland… Leider hat wohl keiner was draus gelernt.

BW: Die Leitung des Schlosspark-Theaters hat in einer Stellungnahme gefragt “Müssen wir künftig Shakespeares „Othello“ in der Bearbeitung von Schlegel/Tieck aus unseren Spielplänen streichen, weil uns ein „schwarzer Schauspieler“ im Ensemble fehlt? Müssen wir auf Friedrich Schillers „Fiesko“ verzichten und auf Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“?” Ist diese Fragestellung Ihrer Meinung nach zulässig und kann sie als nachvollziehbare Begründung für die Praxis des “Blackfacing” und die damit einhergehende Ausgrenzung Schwarzer Schauspieler_innen herangezogen werden?

Ich denke, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich würde mal unterstellen, dass nicht der Versuch unternommen wurde, einen geeigneten Schwarzen Schauspieler zu finden oder zum Vorsprechen einzuladen.Außerdem muss man einfach auch die Befindlichkeiten einer Bevölkerungsgruppe ernst nehmen, die sich schlichtweg durch das „Blackfacing“ beleidigt und herabgewürdigt sieht.

BW: Schwarze Schauspieler_innen beklagen die stereotype Besetzungspolitik im Theater und Filmbetrieb. Als erfolgreiche Schauspielerin gefragt, deckt sich diese Einschätzung mit Ihren persönlichen Erfahrungen?

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/film_fernsehen_radio/schwarze105.html

Ich glaube, das Thema wird in diesem Beitrag sehr treffend beschrieben.

BW: Welche Schritte müssen erfolgen, um die Teilhabe Schwarzer Schauspieler_innen zu ermöglichen oder zu verbessern?

Ich persönlich bewundere die Amerikaner, die einfach „colourblind“ besetzen. Ein hervorragendes Beispiel ist hierfür „Grey’s Anatomy“.Schön wäre es in der Tat, wenn man im Fernsehen mehr die Realität abbilden könnte. Ich glaube, dass die Realität das Fernsehen schon längst überholt hat. In Berlin spielt z.B. ein Türke die Hauptrolle im Udo-Lindenberg-Musical, warum auch nicht. Wahrscheinlich war er einfach der beste Schauspieler für den Job. Aber dafür muss man die Schauspieler erst mal einladen und ihnen eine Chance geben.

Interview #1 – Tyron Ricketts

Der Schauspieler Tyron Ricketts hat uns ein kurzes Interview zum Thema gegeben:

BW: Wie haben Sie persönlich von den Vorgängen rund um das Schlosspark-Theater erfahren und inwieweit fühlen Sie sich von der Kritik an der gängigen Praxis des “Blackfacing” in Deutschland betroffen?

Ich habe von den Vorgängen im Schlosspark-Theater aus dem Internet erfahren und war schockiert, das hässliche Poster zu sehen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich Zeuge der tatsächlich noch gängigen Praxis des “Blackfacing” wurde. Das erste Mal saß ich in der Aufführung von “Othello” im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, als Alexander Scheer, schwarz angemalt, auf Desdemona abfärbte, als er mit ihr auf der Bühne Sex hatte. Ich war tatsächlich tief getroffen von der Selbstverständlichkeit, mit der das gesamte Publikum frenetisch Beifall klatschte, während ich wie versteinert zusehen musste.

BW: Im Mittelpunkt der Kritiker_innen des “Blackfacing” steht die fortgesetzte Praxis desselben, die einer rassistischen Tradition aus den USA folgt und die von den Verantwortlichen des Schlosspark-Theaters damit begründet wird, dass es im Stückrepertoire der deutschen Bühnen an Rollen mangele für Schwarze Schauspieler_innen. Wie sind Ihre Einschätzungen hierzu und teilen Sie diese Auffassung?

Ich glaube tatsächlich, dass die Grundmotivation der deutschen Theater nicht die gleiche rassistische Motivation des “Blackfacing” wie in der amerikanischen Geschichte enthält, finde es aber ignorant, die Augen davor zu verschließen, dass sich schwarze Menschen davon beleidigt fühlen. Ähnlich wäre es, wenn ich mit einem Hakenkreuz auf eine jüdische Veranstaltung gehen und auf die eigentliche Herkunft des Symbols als indisches Sonnenrad verweisen würde.

BW: Die Leitung des Schlosspark-Theaters hat in einer Stellungnahme gefragt: “Müssen wir künftig Shakespeares „Othello“ in der Bearbeitung von Schlegel/Tieck aus unseren Spielplänen streichen, weil uns ein „Schwarzer Schauspieler“ im Ensemble fehlt? Müssen wir auf Friedrich Schillers „Fiesko“ verzichten und auf Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“?” Ist diese Fragestellung Ihrer Meinung nach zulässig und kann sie als nachvollziehbare Begründung für die Praxis des “Blackfacing” und die damit einhergehende Ausgrenzung Schwarzer Schauspieler_innen herangezogen werden?

Eine Möglichkeit wäre es, für diese Stücke Schwarze Gastschauspieler zu verpflichten. Ich z. B. würde gerne mal Othello spielen und kann es bestimmt so gut wie Alexander Scheer. Schön wäre auch der Gedanke, dass deutsche Theater auch nicht explizit Schwarze Rollen mit Schwarzen Schauspielern besetzten würden. Das käme der Tatsache, dass mittlerweile 20 % der deutschen Bevölkerung Migrationshintergrund haben, positiv entgegen und würde das Theater ein bisschen zeitgemäßer machen. Die Zeit ist wie ein Fluß, sie kehrt nicht zurück. Problem in Deutschland ist nach wie vor, dass Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund nicht als Teil der Gesellschaft, sondern immer noch als Ausländer betrachtet werden. Das führt eben leider auch in der Kunst und Medienlandschaft zu veralteten, ignoranten und dummen Sichtweisen und Argumenten (siehe Stellungnahme des Schlosspark-Theaters).

BW: Schwarze Schauspieler_innen beklagen die stereotype Besetzungspolitik im Theater und im Filmbetrieb. Als erfolgreicher Schauspieler gefragt, deckt sich diese Einschätzung mit Ihren persönlichen Erfahrungen?

Absolut! 90% der Anfragen sind stereotype Klischeerollen, die mit Drogen, Sex oder illegalen Dingen zu tun haben. Es ist sehr selten, dass ein Schwarzer Schauspieler für eine Rolle besetzt wird, die nicht unmittelbar mit seiner Hautfarbe und dem damit verbundenen Klischee zu tun hat.

BW: Welche Schritte müssen erfolgen, um die Teilhabe Schwarzer Schauspieler_innen zu ermöglichen oder zu verbessern?

Ich denke, Diskussionen wie diese sind wichtig, um das Bewusstsein der deutschen Mehrheitsgesellschaft langsam zu wecken. Es gibt mittlerweile auch deutsche Mitbürger, die nicht blond und blauäugig sind. Politik und Unterhaltungsindustrie müssen vermehrt darauf achten, ihre eigenen Sichtweisen zu hinterfragen und einen aktiven Aufwand betreiben, um der tatsächlichen Bevölkerungsstruktur gerecht zu werden – um ein realistisches Bild wiederzugeben. Die Zeit arbeitet für uns, aber es ist noch ein langer Weg. Ziel sollte es sein, Menschen mit Migrationshintergrund in “normalen” Rollen zu besetzen und damit auch für die Bevölkerung ein positives Beispiel von friedlichem Zusammenleben zu zeichnen. Leider braucht es dafür Weitsicht, Offenheit und Kreativität, und dafür ist Deutschland ja leider nicht unbedingt bekannt. The struggle continues!

Bullshitbingo

…für ein kurzes Spiel zwischendurch.

(c) anneke gerloff

Applaus für Schuhcreme (grob verallgemeinert)

Es gilt Geister und Stümper zugleich zu bändigen
bis sich Meister von Wort und Bewegung verständigen
Ein schillerndes Spiel, eine schrille Kulisse und bissige, schmissige, witzige Wortspiele
Farbe im Gesicht und das Wissen, dass, würde er sich vor Lachen bepissen,
ihm niemand ins Wort fiele. Der falsche Mohr tanzt!
Trotz federnder Schritte schmerzen die Bandscheiben
Den Dreck in der Presse kann man ihm nicht ankreiden!
Dranbleiben, der Pawlowsche Hund kann nur so lange sabbern
bis der Knochen geknabbert und die Knabber verdaut ist.
Schaut, s’ist Kritik aus kulturfremden Kreisen
Dass es „Schaumküsse“ heißt, können sie im Traum nicht beweisen
Und Rassismus ist ein Wort, das gelogen ist!
Lass die prätentiösen Spinner toben. Kunst ist da, wo oben ist!
Der Spott, der ganze Ärger und das sinkende Interesse
perlen ab, an der pechschwarzen Schminke in der Fresse
Und so lang kein Afrikaner an der Kasse Karten kauft
kann auch keiner sich beschweren.
Ein Toast auf die Kultur
und freie Kunst in allen Ehren…

Blackface – ist für Karnevalsstatisten
ist für triste weiße Männer ohne Kopf mit Schalter!
ist für Minstrel-Sänger, ist für Faschos und Rassisten
aber nicht – für Kinder in Deinem Alter!

© 2012 Philipp Khabo Köpsell, http://jamesknopf.blogspot.com/

Der aktuelle Anlass: Das Schlossparktheater Berlin

Anfang des Jahres fiel das Berliner Schlossparktheater mit seinen Werbeplakaten für den Theaterabend “Ich bin nicht Rappaport” auf: Sie zeigen zwei weiße Männer, von denen der mit brauner Schminke als “Schwarzer verkleidet” ist, der die Rolle des (laut Textfassung) Schwarzen Midge spielt. Dieses Stilmittel, das in einem historischen Rassismuskontext steht, stieß vielen Menschen übel auf. Schnell äußerten sich Kritiker_innen auf der Facebookseite des Theaters, welches prompt offen mit dem eigenen Rassismus umgeht: Schwarze Schauspieler_innen könnten nicht fest in ein Theaterensemble aufgenommen werden, weil es nicht genug “Schwarze” Rollen gebe. Darum habe man auf ein weißes Ensemblemitglied zurückgreifen müssen. Wieso der weiße angemalt werden musste, ist unklar. Warum Schwarze und Schauspieler_innen of Colour nur eindeutig rassifizierte Rollen spielen sollen, ebenfalls. Der Shitstorm gegen das Theater flammte auf, infolgedessen begannen Blogger_innen zu berichten, die Printmedien und der Deutschlandfunk griffen den Vorfall auf. Letztere machten sich durch schlechte Recherche und Parteiergreifung für das weiße Bürger_innentum des Schlossparktheaters unsympathisch.

Tolle weiterführende Texte zum Schlossparktheater-Blackfacing gibt es unter anderem bei den Ruhrbaronen, bei Metalust, bei Critical Witness und im Tagesspiegel.

Eine umfangreiche Pressesammlung gibt es auch schon.

Hier sind wir nun und wollen die Kraft, die aus der Wut und der Empörung kommt, nutzen um uns weiterhin gegen rassistische Theaterpraxen zu vernetzen und ähnliche Vorfälle (von denen es leider viel zu viele gibt) zu dokumentieren.
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