Oranienplatz um 18:00 – Time for Solidarity

 

Am Mittwoch, den 9.4 sind einige der Refugees vom Oranienplatz in den Hungerstreik getreten, um dafür zu kämpfen, dass sie und ihre Forderungen nicht übergangen werden. Die Räumung des Oranienplatzes vom Dienstag, den 8.4 geschah nämlich nicht so friedlich, wie ein Großteil der Medien berichtete. In den Verhandlungen wurde ein großer Teil der Refugees übergangen.

Seit Mittwoch dem 30.4 gibt es nun Gespräche mit Aydan Özoğuz, der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Der Hungerstreik wurde unterbrochen, doch die Forderungen der Refugees bleiben bestehen:

Uneingeschränkte Gewährleistung der Wahrnehmung der Sondernutzungsberechtigung für einen selbstbestimmten und organisierten Neuaufbau des Info-Vernetzungspunktes der Refugee-Protestbewegung und die Einhaltung des Versprechens für ein seperates großes Versammlungszelt, dass ohnehin von der Räumung unberührt bleiben sollte.

Die Anerkennung der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in der Ohlauerstraße als ein selbstorganisiertes Zentrum von und für Refugees.

Aufenthaltserlaubnis für alle Refugee-Aktivist_innen, die sich an dem Protest am Oranienplatz und in der Schule beteiligt haben. Dazu ist insbesondere der §23 AufenthG anzuwenden.

Wir unterstützen ausdrücklich die Forderungen der Refugees! Als Zeichen der Solidarität halten wir jeden Abend um 18:00 eine gemeinsame Mahnwache am Oranienplatz. Jeden Abend gibt es entweder Live Musik, Spoken Word oder eine Lesung, die dem Kampf der Protestierenden gewidmet sind.

Verbreitet diesen Aufruf. Kommt vorbei. Zeigt eure Solidarität!

Oranienplatz um 18:00 – Time for Solidarity.

Bühnenwatch

Kontakt für Unterstützung oder Partizipation: Julia 0174-5722449 oder Facebook Gruppe “Roses für Refugees” 

Die Revolution des Mainstreams oder: Wenn rassistische Stereotype mit Judith Butler gerechtfertigt werden. Ein Bericht zur Abschlussdiskussion der Juror_innen des 50. Theatertreffens

Hintergrund
Anlässlich des 50. Berliner Theatertreffens wurde im  Haus der Berliner Festspiele Sebastian Baumgartens Züricher Inszenierung von B. Brechts Stück “Die heilige Johanna der Schlachthöfe” gezeigt. In dieser tauchen diverse rassistische Stereotype auf, die  laut Baumgarten “in die relativ historische Anlage des Stoffes bei  Brecht eine globalisierte Welt mit hineinlegen” sollen. Die Figur der  “Frau Luckerniddle”, die hier zu einer “Afrikanerin” wird, wurde von  einer weißen Schauspielerin in Blackface dargestellt. Sie spricht mit einem französischen Akzent. Ihr Kostüm beinhaltete darüber hinaus ein Polster, das wohl auf das in klassischen rassistischen Fantasien so gerne zitierte, vermeintlich besonders große Hinterteil Schwarzer  Frauen verweisen soll. Eine ausführlichere, kritische Stellungnahme Bühnenwatchs findet sich im offenen Brief an die Veranstalter_innen .
Bericht zur Abschlussdiskussion
Am 20. Mai fand im Haus der Berliner Festspiele die Abschlussdiskussion der Juror_innen des Theatertreffens 2013 statt, in der auch die rassistischen Stereotypen in “Die Heilige Johanna der Schlachthöfe” und die sich darauf beziehenden Proteste zur Sprache kommen sollten.
Bereits in der Lobby wurden Besucher_innen mittels eines Videoloops, der vergangene Theatertreffen zusammenfasste, fortwährend mit kolonialrassistischen Bildern konfrontiert.
Jurorin Christine Wahl verwies – konfrontiert mit der Frage, wie es zur Auswahl der “Heiligen Johanna” gekommen sei bzw. ob es Zweifel am Entschluss gegeben hätte – darauf, dass die Überzeichung aller Figuren im Stück die Verwendung rassistischer Zeichen Schwarzer  (sowie asiatischer, russischer und jüdischer) Menschen legitimieren würde. Die sogenannte Blackfacedebatte wäre dadurch gekennzeichnet, dass sie keine ausreichende Trennung von Realität und Kunstraum vornehme. Anschließend wurde Judith Butlers Performativitätstheorie herangezogen, um zu erklären, dass durch die Verwendung von negativ besetzten Zeichen diese gegen sich selbst gekehrt werden könnten. Es handle sich dabei gewissermaßen um eine “Wiederaneignung”.
Eine schlichte Wiederholung diskriminierender Zeichen, die nicht deutlich gebrochen, kontextualisiert und kritisiert werden, ist unserer Ansicht nach keine subversive Performance in Butlers Sinn. Butler bezieht sich hauptsächlich auf die Möglichkeit der Destabilisierung der Kategorie Geschlecht durch u.a. Drag, wenn sie schreibt: “Parody by itself is not subversive, and there must be a way to understand what makes certain kinds of parodic repetitions effectively disruptive, truly troubling, and which repetitions become domesticated and recirculated as instruments of cultural hegemony” (Butler 1990: 139). Im Fall des Blackface usw., die in der Inszenierung eingesetzt werden, scheint eher letzteres der Fall zu sein. Insofern erscheint es fragwürdig, sich Butler zur Rechtfertigung einer solchen Darstellung anzueignen und gibt Anlass zu einer Relektüre ihrer Texte aufzufordern.
“What performance where will invert the inner/outer distinction and compel a radical rethinking of the psychological presuppositions of gender identity and sexuality? What performance where will compel a reconsideration of the place and stability of the masculine and the feminine? And what kind of gender performance will enact and reveal the performativity of gender itself in a way that destabilizes the naturalized categories of identity and desire?” (ebd.)
Hinsichtlich dier Inszenierung und der Frage von Kapitalismuskritik und der kritisch gemeinten ‘Überhöhung’ stereotyper Zeichen angewendet, wären dies Fragen, die wir gerne weiterführend diskutieren würden. Ist die Performance tatsächlich geeignet, sich in ihrer Absurdität gewissermaßen selbst zu dekonstruieren? Wenn dies das Ziel der Inszenierung war, wird es erreicht? Gab es eine Feinfühligkeit gegenüber der Auswahl der diversen (rassistischen, sexistischen, antisemitischen, ableistischen) Klischees im Kontext aktueller Debatten um ihre Transformation im Politischen?
Die Aneinanderreihung von Ungenauigkeiten, verfehlten und verdrehten Zitaten und unfundierten Behauptungen als Rechtfertigung der Verwendung solcher Klischees, wie sie bei der Abschlussdiskussion geschah, dürfte wohl in etwa das Level der Auseinandersetzung der Jury mit der historischen und gegenwärtigen Bedeutung kolonialer Bilder (Blackface) für deutsche Kulturproduktion, Identität und Gewaltpolitik widerspiegeln.
Die Überzeichnung unterschiedlicher weißer Figuren (die nicht als weiß gekennzeichnet sind) steht in Baumgartens Inszenierung Anderen of Color gegenüber, die einzig durch Rassifizierung markiert werden. Zu keinem Zeitpunkt findet eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Rassismus oder den verwendeten rassistischen Bildern statt, die als “Bruch” gelesen werden könnte.
Dass eine klare Trennung von reellen (politischen) und Kunsträumen nicht möglich ist, sollte eigentlich jeder/m Kulturwissenschaftler_in klar sein, insbesondere, wenn Brecht inszeniert/analysiert wird. Schließlich ist Blackface selbst aus “Kunsträumen” hervorgegangen, die, wie viele andere westliche Sphären kultureller Produktion von rassistischen, sexistischen, heteronormativen, ableistischen etc. Machtstrukturen bestimmt sind und diese weiter produzieren und tragen. Auch deshalb können sich die in der Inszenierung verwendeten Klischees nicht gegenseitig relativieren. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Machtstrukturen und einer langen Geschichte kolonialer Ausbeutung haben sie unterschiedliche Bedeutungen und Wirkungen.
Weshalb nun ausgerechnet Judith Butler, deren Theorie ja gerade auf der Positionierung  innerhalb von existierenden Machtstrukturen besteht, herangezogen wurde, um die Deutungshoheit einer ausschließlich weißen Jury bezüglich eines rassistischen Stereotyps  zu rechtfertigen? Anscheinend wurden bei der Konsultation von Butlers Theorie jene Teile übersprungen, in denen es darum geht, wer genau welche Zeichen brechen (sich aneignen) kann, und wer nicht. Wie sonst käme es zu der Einschätzung, weiße Kulturproduzent_innen könnten von weißen Menschen etablierte rassistische Stilmittel im Sinne einer “Wiederaneignung” (doppelt falsch?) benutzen. Wieso sollte eine (Wieder-) Aneignung überhaupt nötig sein? Oder handelt es sich dabei um den Widerstand gegen Schwarze Menschenrechtsbewegungen, die sich vermeintlich diese Mittel bereits angeeignet haben; einen Schlag gegen die angeblich allgegenwärtige Bedrohung der überall im Westen von rechts beklagten ”political correctness”, wenn Weiße sich diese Begriffe nun zurückholen (“Wiederaneignung”)?
Es folgte die Beantwortung empirischer Fragestellungen mit einer Mischung aus Floskeln, persönlicher Meinung und als universell gültig missverstandenen Behautpungen, sowie das Herunterbügeln von kolonialen Machtstrukturen auf persönliche Befindlichkeiten: Zuschauer_innen würden Zeichen unterschiedlich lesen. Einige würden in den dargestellten Zeichen eine Reproduktion sehen, einige eben eine Dekonstruktion (Bruch durch Überhöhung sämtlicher Charaktere). Es gäbe in der Kunst kein richtig oder falsch. Es sei aber (wie immer) sicher nicht die Absicht gewesen, jemanden zu verletzen.
Auf die Frage, ob es nicht etwas anmaßend sei, als ausschließlich weiße Jury von einer “Aneignung” von Zeichen zu sprechen wurde entgegnet: “Versuchen Sie mal Schwarze Kritiker im deutschsprachigen Raum zu finden” (deshalb anbei eine Liste).
Eine Zuschauer_in wünschte sich eine “positivere Diskussion” mit den Kritiker_innen von Bühnenwatch, sowie Hinweise darauf, wie es denn besser gemacht werden könnte. Auch wenn dies herauszufinden nicht primär die Aufgabe von Aktivist_innen sein sollte - sondern eben jene der Kulturporduzent_innen selbst - sei an dieser Stelle noch einmal auf den Artikel 7 Things You Can Do To Make Your Art Less Racist – A comprehensive How-To-Guide verwiesen [http://www.migration-boell.de/web/integration/47_3559.asp].
Eine Literaturliste zum Thema “Kunst ohne Entmenschlichung” hängt ebenfalls an.

Am 12.06. soll nun eine separate Diskussion zum Thema Blackface in der “Johanna” stattfinden. Wir freuen uns über Euer zahlreiches Erscheinen und werden bald Näheres kundgeben.

Literaturliste:
  • “Advertising Empire. Race and Visual Culture in Imperial Germany”; David Ciarlo; Harvard University Press 2011
  • “Art on my Mind: Visual Politics”; bell hooks; New Press 1995
  • “Blackness in Opera”; Naomi Andre, Karen M. Bryan; University of Illinois Press 2012
  • “Colored Pictures: Race and Visual Representation”; Michael D. Harris; The University of North Carolina Press 2006
  • “Human Zoos: The Invention of the Savage”; Gilles Boëtsch; Actes Sud 2012
  • “Playing in the Dark: Whiteness and the Literary Imagination”; Toni Morrison; Vintage 1993
  • “White: Essays on Race and Culture”; Richard Dyer; Routledge 1997
  • “Race-ing art History: Critical Readings in Race and Art History”; Kimberly N. Pinder; Routledge 2002
  • “Re/Positionierung – Critical Whiteness/Perspectives of Color”; NGBK 2009
  • “The Cult of Art in Nazi Germany”; Éric Michaud; Stanford University Press 2004
  • “The little book of big visions. How to be an Artist and revolutionize the world”; Sharon Dodua Otoo, Sandrine Micossé-Aikins, Edition Assemblage 2012
  • “The Nazi Connection: Eugenics, American Racism, and German National Socialism”; Stefan Kühl; Oxford University Press 2002
  • “The Impact of Race: Theatre and Culture”; Woodie King, Jr; Applause Theatre& Cinema Books 2003
  • “Theatre for the 98 %”; Maxine Klein; South End Press 1999
  • “Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity”; Judith Butler; Routledge 1990
German language:
  • Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus; Noah Sow; Goldmann 2009
  • Mythen, Masken und Subjekte: Kritische Weißseinsforschung in Deutschland; Maureen Maisha Eggers, Susan Arndt, Unrast 2006
  • re/visionen: Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland; Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai, Sheila Mysorekar; Unrast 2007
  • Weißsein im Widerspruch: Feministische Perspektiven auf Rassismus, Kultur und Religion; Eske Wollrad; Ulrike Helmer Vl. 2005
  • Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache; Susan Arndt; Unrast 2012
  • NGBK, “Re/Positionierung. Critical Whiteness – Perspectives of Color”
Eine Auswahl Schwarzer Theaterexpert_innen/ von Theaterexpert_innen of Color
Zeinab Aghamehdi
Fatma Aydemir
Niloufar Behradi-Ohnacker
Atif Hussein
Rassismussensibilisierte journalis_innen/Autori_innen/Kulturwissenschaftler_innen
Wissenschaft und Forschung zu Rassismus in Deutschland:

​Zu Sebastian Baumgartens Inszenierung “Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von Bertol​t​ Brecht

 

Beim diesjährigen 50. Theatertreffen, das von den Berliner Festspielen ausgerichtet wird,  wurde eine Inszenierung unter die 10 ausgezeichneten Inszenierungen gewählt, die mit Blackfacing und anderen rassistischen Mitteln arbeitet.  Wir haben dazu einen offenen Brief verfasst: 

An

Frau Intendantin Barbara Frey und Herrn Intendanten Thomas Oberender

Frau Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens

Herrn Vasco Boenisch, Juror

Frau Anke Dürr, Jurorin

Frau Ulrike Kahle-Steinweh, Jurorin

Herrn Christoph Leibold, Juror

Frau Daniele Muscionico, Jurorin

Frau Christine Wahl, Jurorin

Herrn Franz Wille, Jurorin

Herrn Sebastian Baumgarten, Regisseur

Frau Andrea Schwieter, Chefdramaturgin und stellv. Intendantin

“Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von Bertolt Brecht in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten

Berlin, 16. Mai 2013

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir schreiben Ihnen, um die Inszenierung des Stückes „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ im Hinblick auf die (Re)produktion und Unterstützung von rassistischen Bildern zu kritisieren.

Die Absicht, Brechts Text neu zu lesen und mit den Mitteln des Theaters auf die historischen, politischen und sozialen Veränderungen der Welt zu reagieren, wird durch die Verwendung diffamierender, diskriminierender und stereotypisierender Zeichen konterkariert. An der Behauptung, Kapitalismus hätte früher keine globalen Ausmaße gehabt, wird unter anderem deutlich, dass sich Herr Baumgarten der historischen Bedeutung des Kolonialismus und dessen gegenwärtigen Auswirkungen nicht bewusst ist.

Sie als Verantwortliche für diese politische und letztlich auch künstlerische Fehlleistung hatten mehrere Möglichkeiten, Ihre konzeptionellen, inszenatorischen und kulturpolitischen Entscheidungen zu überdenken und zu revidieren. Diese Möglichkeiten haben Sie nicht wahrgenommen und Kritik als haltlos zurückgewiesen. In Bezug auf den Rassismus der Inszenierung haben sich bereits mehrere kritische Stimmen gemeldet, z.B. Henrike Terheyden, Summer Banks und Eva Biringer auf www.theatertreffen-blog.de oder Holger Syme auf www.dispositio.net. Wir würden eine Diskussion und Annahme dieser Kritik sehr begrüßen.

Die in der Inszenierung verwendeten Zeichen enthalten enormes Gewaltpotenzial. Es werden rassistische Stereotype und Stilmittel verwendet, ohne dass diese im Rahmen des Stücks kritisiert, besprochen oder kontextualisiert würden. Die Darstellung einer “Afrikaner_in” durch das in den letzten Monaten ausführlich diskutierte und von Schwarzen Menschen immer wieder kritisierte Stilmittel Blackface ist nicht das einzige rassistische Stilmittel der Inszenierung. Auch andere Kolonialfantasien werden wieder zum Leben erweckt, etwa wenn das Kostüm der Frau Luckerniddle durch ein künstliches, besonders großes Hinterteil ergänzt wird. Diese Zeichen sind weltweit Synonyme für jahrhundertelange Unterdrückung von Schwarzen Menschen und Menschen of Color durch Weiße. Sie stehen für Versklavung, Deportation, Mord, Völkermord, Ausbeutung, Landnahme, soziale Ausgrenzung und die Betonung der weißen Vorherrschaft. Zu behaupten, diese Zeichen wären rein ästhetische und darüber hinaus neutral, bedeutet die Leugnung dieser (gemeinsamen) Geschichte.

Die stereotypen Darstellungen beschränken sich allerdings nicht nur auf die rassistisch konnotierten Aspekte der Figur der Frau Luckerniddle. Auch die Darstellung des Hauswirts Mulberry fällt in diese Kategorie, ebenso der vorgeblich “jüdische Akzent” des Graham. Eine kapitalismuskritische Intention der Inszenierung rechtfertigt nicht die Verwendung solch drastischer Stereotypen, die auf Machtverhältnissen beruhen, die längst noch nicht überwunden sind. Vielmehr steht die Wiederholung verletzender Klischees dieser Absicht entgegen. Einer selbstkritischen oder ironischen Verwendung solch aufgeladener Mittel fehlt bisher die Grundlage einer breiten kritischen Debatte. Einer solchen Debatte wird auch nicht zugearbeitet, wenn diese Klischees einfach nur wiederholt und nicht dekonstruiert oder kontextualisiert werden.

Auf die Worte „Die Kunst ist frei“ darf kein „Aber“ folgen. Die Verantwortung, die Kulturschaffende tragen, lässt sich jedoch genauso wenig negieren. Theater findet nicht im luftleeren Raum statt – deshalb bleibt es notwendig, verantwortlich mit dessen Inhalten und Mitteln umzugehen und sich über mögliche gesellschaftliche Auswirkungen im Klaren zu sein. Die ungebrochene und unreflektierte Verwendung rassistischer Bilder wie in diesem Fall fördert innerhalb und außerhalb des Theaters nur eines – Rassismus.

Grada Kilomba sagt über die kontinuierliche Verwendung rassistischer Zeichen und Sprache: „Es ist ein gutes Beispiel wie Rassismus durch eine Machtdefinition bewilligt wird, das heißt die, die Rassismus praktizieren, haben nicht nur den Glauben an das Richtige ihrer Sache, sondern auch das Privileg und die Macht zu definieren, ob bestimmte Begriffe und Zeichen rassistisch oder diffamierend gegenüber denen sind, die diskriminiert werden. Eine absurde Situation, da die Perspektiven, die Definitionen und das Wissen von denen, die Rassismus erleben, absolut irrelevant werden.“ (HINTERLAND MAGAZINE, Ausgabe #15)

Es scheint uns, als habe Herr Baumgarten bei dieser Inszenierung weder Schwarze Menschen, noch Menschen of Color als potentielles Publikum mitgedacht.

Herrn Oberender und Frau Büdenhölzer fordern wir auf, vor Ablauf des Theatertreffens eine Möglichkeit zur öffentlichen Diskussion der Vorgänge zu schaffen. Sie als Vertreter des von öffentlicher Hand geförderten Kunstbetriebs haben die Macht und die Mittel dazu. Nutzen Sie sie!

Mit besten Grüßen

BÜHNENWATCH

 

Dem offenen Brief ging bereits eine Reihe an Kritik voraus die wir mit folgender Linksammlung dokumentiert haben:

 

 

Holger Syme: Brecht, Baumgarten, Blackface (en)

“As a consequence, the entire satire of the production, to the extent that it worked, seemed to target things that have long ago become their own best self-parody. In that regard, at least, the racial stereotype seemed of a piece with the rest of the show: beyond its offensiveness, it just felt dated.”
http://www.dispositio.net/archives/1571


Henrike Terheyden: Kunstmittel oder Beleidigung? Vier Stimmen zum Blackfacing in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ (dt)

“Bis jetzt hat es noch keine Diskussion darum im Rahmen des Theatertreffens gegeben, und das, obwohl die öffentliche Debatte noch so jung ist. Wo ist diese Diskussion? Ich unternehme den Versuch, vier verschiedene Stimmen hier zu Wort kommen zu lassen, Simone Dede Ayivi und Atif Hussein von Bühnenwatch, Sebastian Baumgarten, Regisseur, und Andrea Schwieter, Dramaturgin bei der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“, in genau der Reihenfolge, in der ich die Gespräche geführt habe.”

http://www.theatertreffen-blog.de/tt13/die-heilige-johanna-der-schlachthoefe/kunstmittel-oder-beleidigung-vier-stimmen-zum-blackfacing-in-der-heiligen-johanna-der-schlachthofe/

 

Summer Banks:  Blackface fail (en)

“Yes, blackfacing is a tool for presentation. And it’s been used to propagate negative stereotypes for centuries. To put this technique on stage and not create a venue within the work for the analysis and questioning of this historic usage deliberately ignores the explosive nature of this “tool of art”.”

http://www.theatertreffen-blog.de/tt13/die-heilige-johanna-der-schlachthoefe/blackface-fail/

Eva Biringer: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. 28 Zeilen schlechte Laune (dt)

http://www.theatertreffen-blog.de/tt13/die-heilige-johanna-der-schlachthoefe/die-heilige-johanna-der-schlachthofe-28-zeilen-schlechte-laune/

 

Nachtkritik:

Kai Bremer: Spiel mir das Lied vom Cowboy-Kapitalismus (dt)http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=7294%3Adie-heilige-johanna-der-schlachthoefe-sebastian-baumgarten-gibt-brecht-in-zuerich-als-kinoklassiker&catid=65&Itemid=1

Kurzrezension der Premiere beim 50. Theatertreffen:

http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8110%3Adie-heilige-johanna-der-schlachthoefe-der-shorty-zum-gastspiel-beim-theatertreffen-2013&catid=685%3Ashorties&Itemid=1

/p

Summer Banks:

p

Mal kurz was zu “Zensur”

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Metalust & Subdiskurse Reloaded. Vielen Dank an @momorulez, für den Artikel und die Genehmigung zum Crossposting!

Es sei einfach mal ein nicht unbedeutendes Beispiel genannt:

“Mit der Rheinischen Zeitung hatten es die Zensoren besonders schwer, denn deren Journalisten waren sprachlich und juristisch sehr geschickt, ihre Botschaft in scheinbar harmlosen Texten zu verstecken. Die Leser waren wegen der strengen Zensur gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Manchmal fiel der gesamte Inlandteil der Zensur zum Opfer. So stand der “Französische Artikel” (der Anfang des Auslandteils) an erster Stelle und es musste zu einem Druck mit größerem Zeilenabstand gegriffen werden. Das behagte der Regierung nicht immer, weil die Gewalt der Zensur auch nicht zu offensichtlich sein durfte. Der Zensor Saint-Paul, der während der letzten zwei Monate für die Rheinische Zeitung zuständig war, praktizierte nach eigenen Angaben eine besondere Art der Zensur: Damit sich die Zeitung selber unbeliebt machen würde, verschonte er wissenschaftlich komplizierte Abhandlungen und Kritik an den Katholiken und an anderen Zeitungen von seiner Zensur.”

Es ließen sich andere “Vorgänge” aus dem Stalinismus, der DDR, südamerikanischen Diktaturen oder der McCarthy-Ära nennen. Pointe ist: Es gab da Staaten oder staatenähnliche Gebilde, die Menschen in den Gulag verfrachteten oder in Bautzen einsperrten, die sie folterten, unter Hausarrest stellten oder ausbürgerten. Die mit eindeutigen und nachhaltig wirksamen Zwangsbefugnissen ausgestattet Menschen zerstörten. Oder sie erst gar nicht leben ließen, was sie wollten: Die CDU weigert sich bis heute, die Opfer des §175 zu rehabilitieren. Der allseits gefeierte Papst war Chef der Inquisition. Mal davon gehört, was deren Historie war? Spanische Stiefel und so? Der hat auch die lateinamerikanische Befreiungstheologie platt gemacht.

In der DDR gab es beispielsweise die “Grünen Elefanten” – man baute z.B. in einen Songtext eine auffällig kritische Passage ein, um eine andere, nicht ganz so auffällige vielleicht durchzubekommen.

Jeder, der in den Medien arbeitet oder im universitären Kontext lehrt und veröffentlicht, weiß um die weichen Formen dessen, um sich ernähren zu können, weil man ja arbeiten gehen muss.Und weiß, dass man keine Aufträge bekommt oder nicht den Lehrauftrag, fügt man sich nicht in weiße, heterosexuelle und männliche Üblichkeiten und zudem noch denen einer Rationalität, die verdinglicht. Das ganze Fernsehprogramm folgt der Maxime “Möglichst keine Schwulen am Nachmittag, und PoC kommen wenn überhaupt nur zu Worte, wenn ein weißer Experte sie flankiert – es sei denn, sie reden über Musik oder kritisieren den Islam”.

Es ist in der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung auch unüblich, das KPD-Verbot in den 50ern unter “Zensur” zu verbuchen, die Berufsverbotspraktik der 70er Jahre oder den Fall Brückner.

Nun wären mir keine persönlichen Konsequenzen für Astrid Lindgren oder Ottfried Preussler bekannt, die von der “Gedankenpolizei” gegen sie ausgingen (Achtung, der verlinkte Text enthält ausgeschriebene N- und Z-Wörter, ist aber ansonsten derart köstlich und treffend, dass man ihn zitieren MUSS:)

“Gedankenpolizei: Sagenumwobener geheimer Arm der →Sprachpolizei. Obwohl noch nie gesehen und obwohl es unklar ist, wie sie operiert, gibt es keine Zweifel an deren Existenz. Einige vermuten, dass sich dieser Spezialtrupp erst in Ausbildung befindet und in der →Zukunft zum Einsatz kommen soll.”

“Sprachhygiene”, “Ende der Literatur”: Die Slogans sind ja gewaltig, die als Angstlustschrei aus weißen wie auch Kanack-Attack-Kehlen dringen.

Dabei ist der Unterschied zu denen, die mit “Grünen Elefanten” arbeiteten, doch offenkundig: Letztere wandten sich gegen tatsächlich Mächtige. Während das so unendlich Unangenehme bei den ganzen Leuten, die Rassismus für Kunst halten und ihn gar ganz unverblümt einfordern ist, dass sie sich einfach nur an die eh schon Herrschenden ran wanzen, so unter sich.

Eben an das weiße, heterosexuelle, männliche Dominanzschema, das im Literaturbetrieb, an Universitäten, in Massenmedien sowieso regiert.

Es ist ein so maßlos billiger Trick, nun ständig die Übermacht und Reglementierungsbefugnis von Leuten herbei zu imaginieren, die abgeschoben werden und Racial Profiling ausgesetzt sind, die keine Chance auf bestimmte Jobs haben, die außer Alice Schwarzer so gut wie gar nicht auftauchen, aber als “Feminazis” angeblich ein Horror-Regime wie jenes der chinesischen Kulturrevolution etabliert haben. Oder die von der größten Regierungspartei fortwährend verfassungswidrig Rechte aberkannt bekommen. Das eint Schwule, Lesben und Hartz IV-Empfänger. Jene im Abschiebeknast oder die, die im Mittelmeer ertrinken, trifft es am härtesten.

Das ist alles so Mario Barth: In Deutschland lacht man ja nicht über Satire. Die reibt sich nämlich an denen, die was zu bestimmen und verfügen haben. Nee, denen kriecht man in den Arsch und feiert sie auf dem Boulevard – bis sie ihre Macht schon verloren haben. Dann tritt man rein mit sadistischer Wucht und unverhohlener Frauenfeindlichkeit wie im Falle Bettina Wulffs..

Aber so genannte “Randgruppen” zu erniedrigen, fortwährend,  das gilt als wahnsinnig komisch, es lebe der Polenwitz, was war der Schmidt doch sophisticated, HARHARHAR – und das Ganze noch als Menschenrecht zu behaupten ist die bittere Pointe. Um es noch mit diesen typisch deutschen Sprüchen “Jede Minderheit hat ein Recht darauf, dass man sich über sie lustig macht”, zu garnieren. Sehr witzig. Mach Dich mal über die Mehrheit lustig und warte ab, was dann passiert …

Und dann liest man prototypisch bei Facebook, dass mit dieser “Sprachpolizei” zu kommunizieren ja sei, wie mit Nazis zu reden.

Ein wenig historische Aufklärung: Die realen Nazis zwangssterilsierten die so genannten “Rheinlandbastarde” unter lustvoller Verwendung des N-Wortes, ergänzt durch “Rassenschande”. Das ist der Sprachgebrauch der KZ-Wärter, der hier zur Disposition steht. “Die schwarze Schmach” war allerdings auch ein Slogan in den 20er Jahren.

Zensur? Breiten Bevölkerungsschichten war es verwehrt, ihre eigene Sprache zu sprechen – die Kolonisatoren verboten es ihnen. Die Nachfahren der Maya sind drum begeistert dabei, sie nun wiederzuentdecken. Cassius Clay nannte sich Muhammed Ali, weil er keinen Sklavennamen tragen wollte. Sklaven, denen es lange Zeit tatsächlich verboten war – die Strafen waren keine minimalen Änderungen in einem Buch, sondern weit drastischere, auf den Plantagen Schimmelmanns, nur einer von vielen dergleichen, denen Hamburg seinen Wohlstand verdankt, wurde Flüchtigen kurzerhand das Bein abgehackt – ZU SCHREIBEN. Selbst, ob man die mittels N… Verunglimpften überhaupt lesen lassen sollte, war hochumstritten.

Und da krakelen irgendwelche Kartoffeln von ZENSUR? Ihr habt sie doch nicht alle beisammen.

Es gab ja durchaus durchgängig scheiternde Versuche, ähnlich wie im Falle von “schwul” eine Positivumwertung des N-Wortes vorzunehmen. Mal ab davon, dass man nur auf Schulhöfe zu lauschen braucht, wie nachhaltig dieser Versuch im Falle von “schwul” wirkte – was für Protagonisten das waren, das kann man hier nach lesen. Der Unterschied ums Ganze ist halt, dass von den Rassismus Betroffenen SELBST diese Versuche unternommen wurden und das Wort einen fundamentalen Bedeutungswandel erfährt, je nachdem, von wem es verwendet wird, von einem Markierten oder einem Unmarkierten. Begriffe, für es kein Äquivalent mit ähnlicher Konnotation für das jeweilige Gegenstück – “weiß” -gibt, sind immer, mal harmlos geschrieben, “Othering”. Die Abweichung von der machtvollen Norm wird bennant. Es gibt keine Äquivalente für “Schwuchtel”, auf Heterosexuelle bezogen, im allgemeinen Sprachgebrauch. Habe noch keine 15jährigen auf der Straße “Scheißhete” schimpfen hören. Die sagen “F …”. Oder “Schwuchtel”.

Und der Unterschied ist zudem der, dass z.B. die Auseinandersetzung Frantz Fanons mit dem Thema hier eben NICHT jedem 14-jährigen in die Hände gedrückt wird, der zuvor “Die kleine Hexe” vorgelesen bekam. Dessen “Schwarze Haut, weiße Masken” wird noch nicht mal mehr auf deutsch verlegt, dabei erzählt schon der Titel eine wichtigere Geschichte als all die Traktate im Feuilleton derzeit. Es wird wieder annähernd durchgängig unter Weißen gequatscht oder aber deren Perspektive eingenommen. KEIN Rekurs auf eine nun auch seit der Harlem-Renaissance und “Dekolonisierung” höchst vitalen Tradition. Kennt hier jemand James Baldwin? Wegen Westbindung und so?

Um all die PoC, die was zu dem Thema zu sagen haben, wegzuzensieren. Die lässt man nämlich keine Leitartikel schreiben. Die müssen ihr Geld anders verdienen, und wenn sie Glück haben, dürfen sie eine Pop-Show moderieren.

Manche – “wo kämen wir denn da hin?” – kommen immer mit dem “dann kann man ja gar nichts mehr sagen” um die Ecke, wenn sie z.B. von “Hirnamputierten” schreiben und man darauf verweist. Der ganze Ableismus in der Sprache ist ja auch wenig diskutiert, und Hirnamputationen nahm man an Schwulen vor, die wurden nämlich lobotomiert.

Kann ja vielleicht gar nicht schaden, das mal fest zu stellen, in was für einer Welt man sich bewegt und vorübergehend zu verstummen. Sprache ist eben nicht neutral, in ihr bilden sich gesellschaftliche Verhältnisse ab – Hierarchien, Machtkonfigurationen, Abwertungen. Auch wenn viele das nicht wahr haben wollen.

Gute Literatur bricht und reflektiert das, macht es zum Thema. Da fängt sie an. Da hört sie nicht etwa auf.

Über den Artikel “Die kleine Hexenjagd” von Ulrich Greiner in der aktuellen “ZEIT”

von Anneke Gerloff

Die Debatte um die Ersetzung von rassistischen Begriffen in deutschen Kinderbüchern schlägt seit einigen Tagen hohe Wellen.
“Die Zeit” steigt in die Debatte mit ihrer aktuellen Ausgabe ein, auf deren Titel groß und deutlich der Satz “Kinder, das sind keine N****r!” prangt, umringt von einer Collage aus Kinderbuchillustrationen, aus dem Struwwelpeter, aus “Tim und Struppi im Kongo”, aus “Jim Knopf” und aus “Zehn kleiner N******lein”.
Zum Titel wurde auf den Facebook-Seiten von Axel Hacke und der “Zeit” eigentlich schon genug gesagt – kurz zusammenfassend: Man könnte eigentlich selbständig drauf kommen, dass eine Schwarze Person vermutlich wenig Lust hat, sich eine Zeitung zu kaufen, auf der vorne ein Wort prangt, das sie im Alltag ständig als rassistische Beleidigung an den Kopf geworfen bekommt. Logisch daraus erschlösse sich dann auch, wer mit dem “Wir” im Untertitel “Unsere liebsten Kinderbücher” gemeint ist – weiße Deutsche.
Aber Axel Hacke rief auf Facebook auf, sich doch erst einmal das Dossier durchzulesen, bevor man sich über den Titel beschwere. Das ist nur logisch, zumindest für ihn – denn genauso sieht er es auch bezüglich seines Buches “Der weiße N****r Wumbaba”, das müsse man auch erstmal lesen, um zu wissen, dass man das Schimpfwort in Kombination mit einer rassistischen Illustration (dicke Lippen, Knochen im Haar, Bastrock) nicht auf Buchtiteln im Jahre 2004 sehen möchte. Er jedenfalls könnte kotzen, schreibt es aber nicht, und beschwert sich, dass seine Kritiker, die er ja durch sein Titielbild beleidigt hat, nicht ruhig argumentieren (Ironischerweise argumentiert sein Kollege Ijoma Mangold genau daneben ruhig und besonnen.). Zusammenhänge, liebe Kinder! Wenn Euch das nächste Mal jemand ins Gesicht spuckt, dann argumentiert ruhig – Ihr wisst ja nicht, was die Person sonst noch so alles denkt und tut!

Also, ich bin jedenfalls los, hab ich mir die ZEIT gekauft, und daraufhin schon mal einen sehr merkwürdigen Blick eines nicht-weißen Mannes an der EDEKA-Kasse nebendran bekommen. Wie soll man da reagieren? “Herr Hacke hat gesagt, ich soll das lesen?”
Schlägt man dann das Dossier auf, beginnt schon der erste Artikel von Ulrich Greiner mit einem dramatischen Paukenschlag: “Artikel 5 des Grundgesetzes behauptet: Eine Zensur findet nicht statt”. Der sich daran anschließende erste Absatz kommt denn auch in nur 15 Zeilen zu dem Schluss, dass es sich bei den freiwilligen Änderungen eines Verlages um “Zensur” handelt. “Wie anders als Zensur oder Fälschung soll man das nennen?”
Nun, Herr Greiner, man könnte es mit vielen Worten benennen. Unter anderem: freiwillige Änderungen, Anpassungen, Korrekturen, Überarbeitungen, Modernisierung, Lektorat oder auch Einsicht. Ein Wort ist ganz sicher falsch: Zensur. (Ein an dieser Stelle sehr hilfreicher Artikel findet sich hier)

Es stellt sich folgende Frage: Der Zensurvorwurf beinhaltet ja die Unterstellung eines Zwangs. Meine bescheidenen Beiträge zur aktivistischen Arbeit bei Bühnenwatch (www.buehnenwatch.com) haben mich schon mehrfach mit dieser Art von Vorwurf, ach, was rede ich, mit genau diesem Vorwurf konfrontiert.
Der Thienemann Verlag hat auf Facebook eine Erklärung zu den Gründen für die Änderungen veröffentlicht, da steht nichts von Zwang, nichts von Drohungen oder sonstigem, sondern von einer völlig grundgesetz-konformen Einigung mit Familie Preussler. Später wird auch die Einigung mit den Erben Astrid Lindgrens erwähnt.
Warum bedeutet Einsehen im Kontext von Rassismuskritik an sprachlichen Äusserungen in Deutschland vor allem “Einknicken”? Wie schon bei der Diskussion um Blackface am Deutschen Theater letztes Frühjahr wird getan, als wäre ein unglaublicher Druck aufgebaut oder sogar gedroht worden, so dass Ulrich Khuon bzw. in diesem Fall Preussler quasi gezwungen wurden, ihre Meinung zu ändern. Das ist nicht nur paternalistisch gegenüber Khuon und Preussler, sondern es impliziert auch, seine Meinung zu ändern, sei ein Zeichen von Schwäche. Wer muss hier warum um jeden Preis stark sein?

Im zweiten Absatz dann schreibt Greiner von Verkleidungen, die in der “Kleinen Hexe” vorkommen. Die Auswahl an Karnevalskostümen schrumpft anscheinend ungeheuerlich, wenn die Kinder sich nicht mehr als “N****r, Chinesenmädchen oder Türke” oder auch als “Indianer, Zigeuner oder Eskimo” verkleiden können. Weiter: “Dornröschen wäre sexistisch, ein Scheich islamfeindlich. Und Hexe geht ja schon lange nicht mehr.”
Wir waren als Kinder unter anderem als Frosch verkleidet, als Schornsteinfeger, als Astronaut, als Hexe (geht ganz gut, das Buch “Die kleine Hexe” ist ja auch noch nicht verboten, ha ha!), als Roboter, als Zebra, als Zombie, auch mal so ganz originell als Clown, als Wikinger etc. pp.
Achja, und als Piratin. Das ist denn auch die einzige Alternative, die Greiner zu oben genannten rassistischen Kostümen einfällt, womit er zu Pippi Langstrumpf überleitet. Als die war ich auch mal verkleidet zu Karneval! Schade, dass Karneval in Berlin nicht wirklich gefeiert wird, sonst könnte ich mich als weißer deutsche Feuilletonist verkleiden!
Nachdem er diesen Artikel schon so begonnen hat, muss er natürlich bereits im dritten Absatz ordentlich nachlegen: “Ein Furor politischer Korrektheit verbreitet sich im Land.” Das erste Beispiel für diesen Furor ist – na? – Kristina Schröder! Die sich bisher ja eigentlich eher weder durch Furor noch durch politische Korrektheit hervorgetan hat. Ihr Feminismus-Bashing und die von ihr erfundene “Deutschenfeindlichkeit” sind jedenfalls durch den anscheinend herrschenden zensorischen Furor (kann man das so sagen?) unbeeindruckt sehr, sehr deutlich bis zu mir vorgedrungen. Viel zu deutlich. Aber ich schweife ab.
Kristina Schröder also wagt es, Kinderbücher ihrem Kind nicht wortgetreu vorzulesen und plant ungeheuerlicherweise, das auch weiterhin zu tun. Das geht natürlich nicht.
Kristina Schröders Kind ist eineinhalb Jahre alt. Ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich zu behaupten wage, dass das für Diskussionen um das Wort “N****r” noch ein wenig zu früh ist. Herr Greiner zitiert also Frau Schröder, die im Interview mit der ZEIT sagt, sie würde das N-Wort in “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” durch “ein Baby mit schwarzer Hautfarbe” ersetzen. Daraufhin sucht er die entsprechende Stelle aus dem Buch heraus, und breitet genüsslich aus, dass – würde man dem, was Frau Schröder sagt, eins zu eins folgen – eine Dopplung von “Baby mit schwarzer Hautfarbe” in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen entstehen würde. Ja, das klänge blöd.
Frau Schröder hat aber wahrscheinlich nicht den kompletten Text auswendig gelernt, und, wie gesagt, ihr Kind ist 1 1/2, was nicht nur zu früh für Rassismusdebatten, sondern auch zu früh für Jim Knopf ist. Aber man kann sich natürlich daran aufhängen. Macht Herr Greiner auch. Er kann sich nicht vorstellen, dass jemand den Text auch eventuell anders abändern kann. Und bedauert sehr, dass dadurch der “Witz der Szene” verschwindet. Ich möchte meinen, dass das Buch das durchaus verträgt, da seine Qualität nicht allein an dem ziemlich blöden Witz hängt, dass Lukas ja “genauso schwarz” wie Jim ist. Kennen Sie das Video “Shit white girls say to black girls”? Passt in diesem Zusammenhang irgendwie.
Und das sind erst die ersten 5 Absätze!
Es folgen drei weitere über Pippi Langstrumpf, in denen es offenbar nicht im Geringsten problematisch gefunden wird von Herrn Greiner, dass Pippis Vater auch als “Südsee-König”, der er ja schon seit ein paar Jahren ist, als weißer Mann über Schwarze herrscht, und dass Pippi dann natürlich ganz furchtbar zufällig den Kongo auswählt, um von einem Land zu erzählen, in dem alle lügen. Diesmal bin ich diejenige, der nur zwei Worte dazu einfallen: Kolonialismus und Rassismus. Herrn Greiner nicht, der erzählt stattdessen, dass der Rassismusforscher Wolfgang Benz sein Augenmerk mehr auf die Realität richten solle als auf die Fiktion. Aha.
Dass Herr Greiner sich offenbar mit Kolonialismus und seinem Fortwirken noch nicht so auseinandergesetzt hat, wird denn auch deutlich, wenn Pippis Fantasien mit den Bildern Gauguins verglichen werden, gemeinsam hätten die beiden die “haltlos-unschuldige Spielerei” mit dem “Phantasma des naiven Naturvolks” gemeinsam habe.
Herr Greiner, jetzt fragen Sie sich doch einfach mal, was es mit dem “Phantasma des naiven Naturvolks” so auf sich hat. Wo kommt es her? Von wem stammt es? Und wen exotisiert es und macht ihn/sie zum ewig “Anderen”? Könnte es vielleicht in der Aufklärung aufgekommen sein? Hegel schreibt zum Beispiel: “Bei den N*****n ist nämlich das Charakteristische gerade, daß ihr Bewußseyn noch nicht zur Anschauung irgend einer festen Objektivität gekommen ist, wie zum Beispiel Gott, Gesetz, bei welcher der Mensch mit seinem Willen wäre, und darin die Anschauung seines Wesen hätte.(…) Der N**** stellt, wie schon gesagt worden ist, den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar: von aller Ehrfurcht und Sittlichkeit, von dem, was Gefühl heißt, muß man abstrahieren, wenn man ihn richtig auffassen will; es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden.”
Peggy Piesche führt dazu aus, dass mit einer Weiterführung dieser Argumentation dann auch die Sklaverei rechtfertigt werden konnte, und weiter: “Diese durchaus bekannten Strategien der Markierung des “Anderen” als Projektionsfläche des “Eigenen” konnte so glatt und bruchlos bis in die heutige Zeit fortgeschrieben werden, weil sie mit der Kategorie “Rasse” arbeitete, die im Aufklärungsprojekt (…) mit Annahmen, Setzungen und Zuschreibungen gefüllt wurde.” (aus “Mythen, Masken und Subjekte”, Münster 2009 S.33″)
Zum Beispiel im ARD-Abendprogramm.
Greiner behauptet denn auch implizit, das Wort “N****r” sei nicht von Anfang an beleidigend gewesen. Zeit, den Hegel nochmal rauszukramen, Herr Greiner!
“Robinson Crusoe”, “Moby Dick” und “Gulliver” wurden anscheinend schon immer “gekürzt und zensiert”, führt Greiner dann aus – nach einem kurzen Exkurs über “Mohren” bei Schiller – aber das sei nicht so schlimm, weil man habe sich stets auch die Originalausgaben später kaufen können. In diesem Fall sei das aber schlimmer. Warum? Werden die Bücher alle verbrannt? Vielleicht hat Greiner davor ja Angst – wenn man sich Zensur einredet, kommen solche Vorstellungen vielleicht auch schnell mal hoch. Bücher halten sich doch eine Weile. Sie können immer noch in ein Antiquariat gehen und sich eine alte Ausgabe besorgen, Herr Greiner, wenn es sie mal wieder gelüstet, das Wort “N****r” so richtig schön ausgeschrieben zu sehen! Das sind doch gute Nachrichten! Aber stellen Sie sich vor, wenn heute aufwachsende Kinder das Wort gar nicht erst lernen würden! Das ist zwar kaum zu befürchten, aber es scheint etwas zu sein, das Herrn Greiner ängstigt.
Dann kommt natürlich unvermeidlicherweise etwas über “1984″. Der kleine Bruder des großen Bruders ist laut Greiner die politische Korrektheit. Eine Gesellschaft, in der rassistische Beleidigungen nicht an der Tagesordnung sind, erinnert weiße deutsche Feuilletonisten eigentlich fast immer an “1984″. Aber eigentlich nicht nur deutsche, im Übrigen – eine meiner liebsten Bloggerinnen, Melissa McEwan, schreibt über Bill Maher: “Of course it comes down to the reason he doesn’t want to live in a country where no one says anything offensive is because HE WANTS TO SAY OFFENSIVE THINGS, and the only kind of country in which no one says offensive things that he can imagine is one in which IT’S NOT ALLOWED.
Whereas, when I imagine a country where no one says offensive things, it’s because it’s populated by people who give a fuck about not offending other people, and thus CHOOSE not to offend them, no censorship required.
Unlike Bill Maher, I expect more. Firstly of myself.”
Kritik an Sprache zu üben, bedeutet also eigentlich die ersten Schritte hin zu einer Diktatur zu gehen. Ich finde diesen absolut irrationalen Gedankengang immer wieder faszinierend. Wurde der eigentlich auch so bemüht, als die Bibel “in gerechter Sprache” verfasst wurde?
Und wenn man schon bei “1984″ angekommen ist, dann dürfen natürlich die “echten Rassisten” nicht fehlen, “jene hasserfüllten Schläger”, für die Greiner, soweit ich das einem Blick in das Zeit-Archiv seiner Artikel entnehmen kann, sich eigentlich auch nie interessiert hat, für die seine Kritiker sich aber jetzt unbedingt zu interessieren haben.
Ich glaube auch, selbstverständlich, dass die ein Problem sind. Ich glaube auch, und die Untersuchungen zur NSU scheinen das zu belegen, dass es schwieriger wäre, eine Serie von rassistischen Morden zu begehen, wenn die breite Öffentllichkeit und natürlich die Polizei mehr sensibilisiert für ihren eigenen Rassismus wäre. Die NSU-Morde, die anschließenden Ermittlungen und die mediale Aufarbeitung haben schön gezeigt, wo bei als “ausländisch” definierten Opfern der deutsche Hammer hängt, vom “Mafia”-Anfangsverdacht bis hin zum unsäglichen Begriff “Dönermorde”. Da ist sie wieder, die weißdeutsche Mehrheits-Sprache mit ihrem “Ist doch gar nicht so gemeint.” Waren die Proteste gegen diese Bezeichnung auch “Zensur”?
Aber so ist es eben in Deutschland, Rassismus gibt es nur bei den Nazis. Bequem ausgeblendet wird dann natürlich, wie sich Weißsein in Deutschland manifestiert, wie virulent die Beleidigung “N****r” und entsprechende koloniale Menschenbilder auch in weißen akademischen Kreisen sind, wie selten Schwarze Stimmen gehört werden, auch und gerade wenn es um Rassismus geht (siehe den unerträglichen Günther-Wallraff-Film, in dem sich erst einmal ein weißer Deutscher schlecht als Schwarzer, schlecht deutsch sprechender Afrikaner im Batik-Gewand verkleiden musste, damit in Deutschland überhaupt jemand merkt, dass es da ein Problem gibt – das Ganze natürlich, anstatt Schwarze deutsche Experten zu Wort kommen zu lassen), wie vielgestaltig und subtil das System Rassismus in der Gesellschaft funktionieren kann.
Doch halt, es geht weiter: “Zweifellos gibt es Rassismus in diesem Land”, immerhin. Doch leider geht es gleich weiter mit “Mitbürgern nichtdeutscher Herkunft”. Was bedeutet das genau? Migrationshintergrund? Wie weit muss man da so zurückrechnen? Wenn man bei allen so rechnen würde wie das Bundesamt für Statistik, nämlich 3 Generationen zurück, hätten Herr Greiner und ich vermutlich offiziellen Faschismushintergrund, und richtig viele andere auch, wie meine überaus kluge Bekannte Nadia Shehadeh neulich dazu schrieb.
Vielleicht sollte man gerade angesichts dieses Hintergrundes mit Zensur- und Diktatur-Vorwürfen ein wenig vorsichtiger sein.
Viele sind aber eher darauf bedacht, möglichst laut “Wehret den Anfängen!” zu schreien. Als ob eine rassistisch diskriminierte Minderheit in Deutschland 2013 auch nur ansatzweise die Macht hätte, eine “Meinungsdiktatur” aufzubauen. Herr Mangold dazu: “Von Sprachpolizei ist die Rede, als würden Minderheitslobbyisten der deutschen Sprechergemeinschaft das Vokabular entziehen.” Wie war das, Herr Hacke, mit den besonnenen Argumenten? Fordern Sie die auch von Ihren Unterstützern ein? Geht es vielleicht auch unter “1984″ und “Zensur”? Sind die USA etwa zu einem faschistischen Staat verkommen, weil das Wort “N*****r”, von weißen ausgesprochen, endlich allgemein geächtet wird (und so gut wie jede derartige Äußerung zu Protesten führt)? Es gibt einen wunderbaren TED-Talk von Jay Smooth dazu, wie über Rassismus konstruktiv geredet werden kann. Sollten sich mehr Leute mal anschauen.
Greiner wird denn auch etwas sanfter, für seine Verhältnisse. Man dürfe Menschen “nicht die Erinnerung stehlen”, appelliert er, also deutschen Kindern, also deutschen weißen Kindern, “die heute oftmals erwachsen” sind. Dann kommen die Sternsinger. Immer wieder diese verdammten Sternsinger mit ihrem Blackfacing. Wäre wahrscheinlich auch Diebstahl von Erinnerungen, wenn man das ein für alle mal abschminken täte. Und der Bibeltext sagt gar nichts über einen Schwarzen König? Dann hat man das einfach so verändert? So wie Kristina Schröder also?
“Auch ohne böse Absicht können Worte Schaden anrichten” sei ein weit verbreitetes, aber naives Argument. Man könne die kindliche Unschuld nicht dadurch bewahren, dass man das Kind “vor schädlichen Vokabeln” schütze. Ein Kind, “das von Beginn an gelernt hätte, wie böse es sei, “N****r” zu sagen, (würde) vielleicht irgendwann von der Lust ergriffen (…), es endlich zu sagen – und die verächtlichen Implikationen womöglich für wahr zu halten.” Also bedeutet das, dass das, was im Rahmen dieser Debatte die ganze Zeit passiert, nämlich dass deutsche Journalisten von Greiner bis hin zu Mely Kiyak sich gerade so sehr daran weiden, das Wort die ganze Zeit zu benutzen und sogar auf den Titel zu packen, in schön groß – das ist jetzt schon das Produkt der Political Correctness, deren Diktatur doch gerade erst beginnt? Ich bin verwirrt. Davon abgesehen, werden Schwarze Kinder auch in dieser Argumentation wieder einmal ignoriert.
Nein, Herr Greiner, allein ein solches Wort in einem Kinderbuch macht niemanden zum Rassisten. Und nicht jeder der rassistisch spricht, ist ein überzeugter Rassist. Es ist das Fortwirken kolonialen Denkens, das Rassismus begünstigt und weiterleben lässt. Zum Beispiel, wenn man Ideen von “naiven Naturvölkern” als harmlos betrachtet. Zum Beispiel, wenn dem Illustrator des ZEIT-Titelbildes nicht klar ist, wie Schwarze z.B. in “Tim und Struppi” dargestellt werden – nämlich als ein Heer von exakt gleich aussehenden halbnackten Karikaturen mit Riesenlippen. Zum Beispiel, wenn rassistische Diskriminierung als bloße persönliche Befindlichkeit abgetan wird. Zum Beispiel, wenn im ZEIT-Dossier zum Thema nicht ein einziges Mal der Name Maisha Eggers auftaucht, obwohl sie sich exakt mit diesem Thema wissenschaftlich auseinandergesetzt hat. Fundiertes Expertenwissen ist ganz offensichtlich nicht erwünscht.
Stattdessen kommt bei Greiner etwas über die Befragung von Schulklassen zu dem Wort “N****r”, und alle (weißen?) Befragten sagen Sachen, die darauf hoffen lassen, dass sie es nicht verwenden. Anscheinend ist das Problem damit für ihn gelöst, obwohl doch der echte Rassismus (™) gar nicht mit dem Wort zusammenhängt? Und das ist jetzt ein Beweis dafür, dass die Kinder nur was über Rassismus lernen können, wenn der “N****r” in Kinderbüchern erhalten bleibt? Wurden sie auch befragt, ob sie die entsprechenden Klassiker überhaupt gelesen haben? Ich glaube, Kinder (und Erwachsene!) könnten vor allem dann etwas über Rassismus lernen, wenn die deutsche Kolonialgeschichte mal anständig aufgearbeitet würde und auch im Curriculum an den Schulen einen festen Platz hätte. Das hat dann aber mit Kinderbüchern nicht mehr so viel zu tun.
Am Schluss kommt etwas ganz interessantes, das Mitarbeiter_innen deutscher Kinderbuchverlage, zumindest was meine Erfahrung aus diversen Gesprächen angeht (ich bin Illustratorin und führe deswegen ab und zu solche Gespräche) meistens ganz anders sehen als Herr Greiner. Er sagt, dass Aggressivität, oder “weniger schrecklich” Vitalität ein wichtiges Moment der Kindheit sei. Ich stimme ihm da voll und ganz zu, nur ist mir der Zusammenhang mit dem Thema Rassismus etwas unklar… Jedenfalls sind in meiner Erfahrung viele Mitarbeiter deutscher Kinderbuchverlage eher ängstliche, vorsichtige Leute, die der Kinderseele nicht zu viel zumuten möchten.
Dann erwähnt Greiner noch mal eben Grimms Märchen – Moment, wurden nicht gerade die permanent neu erzählt? Lässt zumindest der Wikipedia-Artikel vermuten.
Huch! “Obwohl Grimms Märchen zu den bekanntesten Werken der deutschen Literatur gehören, sind die Originaltexte der Märchen den meisten unbekannt.”

How to kill a Mockingbird

Kürzlich erreichte uns ein Leser_innen Kommentar von Silvia Rhode, den wir uns entschlossen, nicht freizuschalten, weil er, wie so häufig, Standpunkte und Vorstellungen enthielt, die sich vor allem durch die mangelnde Auseinandersetzung mit Rassismus auszeichneten und wir Fehlauslegungen der Arbeit von Bühnenwatch nicht auf unserer Seite reproduzieren möchten. Diese kursieren bereits zu genüge in der Presse sowie den selbstreferenziellen Netzwerken und Plattformen der deutschen Theaterlandschaft und wir haben mehrmals sowohl in persönlichen als auch öffentlichen Gesprächen detailliert und differenziert versucht, diese zu berichtigen.
Nun erschien auf Frau Rhodes Blog eine in einen Artikel umgewandelte, etwas längere Version ihres Kommentars.
Was für eine wundervolle Vorlage, dachten wir uns, um endlich eine „Neue und alte Missverständnisse -Sektion“ in unseren Blog einzufügen, um künftig nur noch auf diese verweisen zu müssen, wenn wir uns damit konfrontiert sehen.
Dabei möchten wir gerne Frau Rhodes Ausführungen Zitate von Expert_innen entgegensetzen, die sich in unterschiedlichsten Bereichen mit der Bedeutung rassistischer Praxen und Bilder sowie mit anti-rassistischen und Empowermentstrategien beschäftigt haben. Denn auf diesen gesellschaftskritischen Konzepten und Theorien beruht Bühnenwatchs aktivistische Arbeit.
Hier nun also, in keiner besonderen Reihenfolge die häufigsten Reaktionen auf Kritik rassistischer Praxen an deutschen Bühnen – challenged!

1.) Rassistisch ist, was rassistisch gemeint ist oder: Intent Shmintent!

Bei Frau Rhode wie folgt:

“Aufgezogen von einer Mutter, die lange in anderen Kulturen gelebt hat, von Kindesbeinen an mit humanistischen Grundwerten gefüttert fällt es mir nicht leicht Kritik zu üben an Menschen, die ihre Ausgrenzung abschaffen wollen. Allein die Frage bleibt: sind alle Mittel unkritisierbar, die dafür eingesetzt werden, nur weil die Absicht gut ist?
Blackfacing wird von BÜHNENWATCH ausnahmslos angeprangert… selbst wenn es als künstlerisches Stilmittel ohne rassistische Absicht eingesetzt wird. Also scheint die Absicht ihrer Ansicht nach nicht die Mittel zu rechtfertigen. Dann gleiches Recht für alle.“

“Ah, intent. You unfalsifiable talisman of airy exoneration. This is the second twanging string to the Belgian court’s bow, the outraged insistence that the artist was no racist, had no intent to ‘create an intimidating, hostile, degrading or humiliating environment’.
The great advantage for its deployers of this defence is that it is completely unprovable either way. Which is why, whatever one’s opinions of their actual bona fides, it is generally strategic to focus on what a person said or wrote, rather than what they think or are.”

- China Mieville über den Prozess um “Tim im Kongo” mehr [http://chinamieville.net/post/18314521552/stand-down-literature-has-defeated-the-thought]

Abgesehen von der Tatsache, dass „in anderen Kulturen„ zu leben noch lange keine Garantie für rassismusfreies Verhalten ist (Siehe Südafrika) und der Humanismus den Kolonialismus hervorgebracht hat: Wenn Rassismus derartig kontrollierbar wäre, hätte Frau Rhode diesen Blogpost vermutlich nie geschrieben. Rassismus ist in den allerwenigsten Fällen, eine Entscheidung, die von Einzelnen bewusst getroffen wird. Rassismus ist eine historisch gewachsene Struktur, die unter anderem von der ständigen Wiederholung entmenschlichender Bilder lebt. Diese Bilder finden sich – gerade in Deutschland – überall. Sie bevölkern die Bücher unserer Kinder, sie bewerben seit über einem Jahrhundert Konsumgüter, von Schokolade über Zahnpasta bis hin zu Schuhcreme und sind in diesen Zusammenhängen fast nie “rassistisch gemeint”, beruhen jedoch auf kolonialrassistischen Propagandabildern, die es durchaus waren und beeinflussen ganz konkret die Art und Weise, wie Schwarze Menschen im deutschen Alltag wahrgenommen und behandelt werden. Sie haben soziale, ökonomische, epistemologische, rechtliche, ökologische ja sogar medizinische Auswirkungen, denn sie sind in Ihrem Kern entmenschlichend. Dies alles nicht zu wissen, nicht zu wollen, zu ignorieren oder der Versuch, dem Ganzen die eigene vermeintlich neutrale oder gar antirassistische “Intention” überzustülpen, vermag es nicht die komplexen Zusammenhänge historisch begründeter Identitäten, einer Globalen Arbeitsteilung, intersektionaler Machtverhältnisse, Wissensevaluation etc. aufzulösen. Dass viele derjenigen, die von rassistischen Bildern nicht negativ betroffen sind, dies für unverfänglich halten, liegt in der Natur der Sache.

Die Kritik an einer rassistischen Praxis mit dieser gleichzusetzen, wie Frau Rhode es versucht, scheitert schon allein an der Tatsache mehrerer Jahrhunderte kolonialer Gewalt. Ein „gleiches Recht für alle“ existiert dank Auschlüssen und Diskriminierung und vor allem Dank des Wissensvakuums im Bereich der Auseinandersetzung mit Rassismus in Deutschland gerade nicht. Eine solche Täter-Opfer-Umkehr hinterlässt daher einen faulen und fragwürdigen Geschmack.

2.) Bühnenwatch, Blackface und die Gefährdung der Kunstfreiheit

In Frau Rhodes Blogpost:

“Aber ich wünsche mir eine differenzierte Auseinandersetzung unter Beachtung des jeweiligen künstlerischen Ausdrucks. Eine „Null-Toleranz-Position“ wie von Bruce Norris gefordert und von vielen verfolgt ist nicht konstruktiv und führt an einem bewußtmachenden Weg zur Veränderung vorbei.”

“Sometimes people hold a core belief that is very strong. When they are presented with evidence that works against that belief, the new evidence cannot be accepted. It would create a feeling that is extremely uncomfortable, called cognitive dissonance. And because it is so important to protect the core belief, they will rationalize, ignore and even deny anything that doesn’t fit in with the core belief.”

- Frantz Fanon

Die Debatte um Blackface auf deutschen Bühnen scheint bei weißen deutschen Kulturschaffenden häufig vor allem eins auszulösen: Sorge. Augenscheinlich handelt es sich dabei um eine Sorge bezüglich der vermeintlichen Abschaffung der Kunstfreiheit, jedoch immer wieder auch, wie bei Frau Rhode, um die Sorge, dass ein Lernen, ein fröhliches Miteinander durch die klaren Forderungen einer marginalisieren Minderheit gefährdet würden.
Abgesehen davon, dass weder das Eine (Lernen), noch das Andere (fröhliches Miteinander) bisher in größerem Maße stattgefunden haben, mag es überraschen, dass es zumindest Bühnenwatch garnicht in erster Linie um Blackface geht:
In den letzten Jahren hat es durchaus einige Beispiele dafür gegeben, wie Blackface informiert und verantwortlich in künstlerischen Produktionen genutzt werden kann. Dazu gehört unter anderem Spike Lee’s Bamboozled. Der Unterschied zwischen Bamboozled und, sagen wir, dem Deutschen Theater ist die Tatsache, dass Spike Lee um das gewaltvolle Potential von Blackface und um dessen Geschichte weiß, vor allem aber, dass er genau dies thematisiert. Wie kommt es, dass Blackface in Deutschland – anders als in anderen Kontexten – zwar nach wie vor unbeschwert und regelmäßig praktiziert wird, eine tiefergehende Hinterfragung dieses Mittels sowie des mit ihm verknüpften Stereotyps, vor allem aber auch seiner Bedeutung für die Konstitution deutscher Identität und für deutsche Geschichte und Gegenwart niemals Teil der jeweiligen kutlurellen Produktionen ist?
Das Alles-sagen-dürfen-Wollen entpuppt sich als ein Nicht-Sprechen-Wollen über die eigenen koloniale Vergangenheit. Bevor das nicht stattgefunden hat, werden wir uns weiterhin auf einem Niveau bewegen, das mehrere hundert Kilometer sub-Spike-Lee liegt und die Verwendung von Blackface wird vor allem eines nicht sein: antirassistisch.
Blackface ist hier ein Symptom eines gesellschaftlichen Phänomenes, das koloniale Amnesie heisst. Es ist eine Triggerpunkt, der nur deshalb eine Debatte auslösen konnte, weil diese Debatte genauso unerwünscht ist, wie eine Veränderung der bestehenden Machtstrukturen. Der Diskurs um Blackface aber, ist eine Plattform auf der sich der Stand einer Auseinandersetzung in der Gesellschaft offenbart, die sich ihrer Rückständigkeit noch nicht gewahr genug ist, um sich dafür zu schämen.

Die Aktivist_innen von Bühnenwatch haben weder die Mittel noch das Bedürfnis, die „Kunstfreiheit“ abzuschaffen. Rassistische Bilder und Sprache werden in Deutschland auch weiterhin von Theatermacher_innen verwendet werden dürfen. Wir nehmen uns lediglich die Freiheit heraus, dies dann zu kritisieren.

3.) Wieso schaut ihr euch das Stück nicht erstmal an?

Bei Frau Rhode:

Als das nt-halle „Othello“ mit dem provizierenden Untertitel „Venedigs Neger“ zur Aufführung brachte widersprach BÜHNENWATCH der Einladung des Theaters mit den Worten: „Wir kommen Ihrer Aufforderung, uns das Stück anzusehen, daher gerne nach, sobald der Titel und die Plakate geändert wurden, worin sich dann die Intention, niemanden zu verletzen, materialisieren würde.
Andernfalls werden wir leider von einer weiteren direkten Kommunikation mit dem nt absehen [...] Ist es nicht sinnvoller in eine Auseinandersetzung einzutreten in Kenntnis eines Werkes?

“Sometimes you get a flash of what you look like to other people.” ― Zadie Smith, On Beauty

Liebe Frau Rhode, hierzu gibt es wirklich nur eins zu sagen. Ein Plakat, das einem überall in der Stadt das N-Wort entgegenschreit ist ein Affront, keine Einladung. Alltagsrassismus und Jahrhunderte kolonialer Gewalt von der Sie nicht negativ betroffen sind mal beiseite: Sicherlich würden Sie sich auch kein Stück ansehen wollen, dessen Titel Sie grob beleidigt, auch wen Sie hinterher eine schicke Einladungskarte erhalten (weil Sie sich beschwert haben). Mit noch größerer Sicherheit wären sie wohl verwundert, wenn ihre Kritik dann auch noch delegitimiert würde, WEIL sie ihre Beleidiger nicht auch noch mit Ihrer Anwesenheit im Stück und dessen Finanzierung belohnen möchten.

Schließlich haben sich auch die Mitarbeiten des nt-halle nicht die Mühe gemacht, sich mit der Geschichte des Wortes oder des verwendeten Stilmittels und vor allem den Standpunkten Schwarzer Menschen zu beidem zu beschäftigen.
Ist es nicht sinnvoller in eine Auseinandersetzung einzutreten in Kenntnis des Themas? Das N-Wort, Blackface und andere Erfindungen des Europäischen Imperialismus sind keine intellektuellen Übungen sondern Teil einer gewaltvollen Realität, der Schwarze Menschen in Deutschland ohnehin ständig schutzlos ausgesetzt sind.
Es braucht nicht die Kenntnis eines Stückes, um zu vertsehen, dass ein Plakat wie das des nt insbesondere im öffentlichen Raum, wo der Großteil der Menschen (Schwarze und Weiße, Kinder und Erwachsene) die es sehen, die die Produktion niemals besuchen werden, keinen anti-rassistischen oder neutralen Effekt haben KANN.

4.) Angriff auf die hilflosen Theaterindustrie

Weiter unten in den Kommentaren ergänzt Frau Rhode:

“Die Bühne ist ein schutzloser Ort, wenn man darauf spielt. Ich erwarte den Stil das zu erkennen und zu beachten. ”
————–
“There is the absurd hyperbole, to turn a victimiser’s culture into a victim”

- China Mieville

Die Gesellschaft ist ein schutzloser Ort, wenn mensch sich als Schwarze Person oder Person of color darin bewegt. Alltägliche Formen rassistischer Entmenschlichung und Erniedrigung finden als Teil der weißen Mehrheitskultur in Sprache und Bildern ihren Ausdruck.
Nie weiß Mensch, wann die nächst Bombe fällt.
Schauspieler_innen haben eine Verantwortung in der Wahl ihrer Rollen, gerade WEIL sie auf einer Bühne stehen, wo nicht nur weiße, sondern auch Schwarze Menschen sie sehen können. Sie sind nicht schutzlose Opfer anti-rassistischer Aggression. Ob jemand rassistische Bilder oder Sprache auf der Bühne reproduzieren möchte oder nicht, ist ihm/ihr selbst überlassen. Wer sich dafür entscheidet, muss mit den entsprechenden Reaktionen rechnen. Wenn Theatermacher_innen beginnen würden, sich ihr Publikum so zu imaginieren, dass es der Zusammensetzung der Gesellschaft entspricht, in der wir leben, würden sie möglicherweise etwas seltener auf rassistische Geschmacklosigkeiten zurückgreifen. Statt dessen würden sie vielleicht anfangen, darüber nachzudenken, wie es dazu kam, dass diese Geschmacklosigkeiten einen so wichtigen Platz in Ihrem Herzen einnehemen konnten.

“There is really nothing more to say-except why. But since why is difficult to handle, one must take refuge in how.”

- Toni Morrison

Happy New Year everyone!

Im Jahr 2012 bekamen wir sehr viele “Anregungen, Erklärungen, Tipps und Tricks” wie und was wir besser machen könnten. Hier eine kleine Zusammenstellung. Zum lachen und weinen. #taschentücher

2013 bleibt also viel zu tun. Let’s go!

Jahresrückblick 2012: Bühnenwatch Bulls-HIT Parade

Wipe Off The Blackface Germany! with Lisa Dixon and Gyavira Lasana

Wipe Off The Blackface Germany!

by Stephanie Wilson

Is something rotten in Deutschland?  Apparently so.  I’ll have guests Gyavira Lasana, and old friend of the show, Lisa Dixon from the frontlines to discuss the delicate issue of blackface and the petition now being circulated.

Gyavira Lasana is a poet and playwright living in New York and Berlin. He has written extensively about the life of blacks in Germany for the past ten years.

Lisa Dixon has been a guest on the show several times.  She was one of the “Brown Babies” of Germany, the daughter of a German mother, and African American solidier.  Her story was one of many featured in the award winning documentary, “Brown Babies: The Mischlingkinder”.  She is an activist and very vocal in the campaign to end the practice of “blackface” in Germany.

http://www.huffingtonpost.com/2012/01/10/german-play-im-not-a-rapp_n_1197160.html

http://www.dailymail.co.uk/news/article-2038301/German-comedian-Martin-Sonneborns-blackface-Obama-billboard-causes-outrage.html

Bitte um Unterstützung: Petition gegen Racial Profiling

Liebe Leute, 

bitte nehmt euch 2 min Zeit, um die Petition gegen Racial Profiling zu zeichnen.

Es werden insgesamt 50 000 Stimmen benötigt, damit der Petitionsausschuss öffentlich berät. Bitte unterzeichnen und teilen!  Es sind nur noch 18 Tage Zeit.

Hier geht es zur Petition: https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2012/_11/_07/Petition_37656.nc.html

Hier geht es zur Seite der Kampagnehttp://www.stoppt-racial-profiling.de/

Vielen Dank!