von Anneke Gerloff
Die Debatte um die Ersetzung von rassistischen Begriffen in deutschen Kinderbüchern schlägt seit einigen Tagen hohe Wellen.
“Die Zeit” steigt in die Debatte mit ihrer aktuellen Ausgabe ein, auf deren Titel groß und deutlich der Satz “Kinder, das sind keine N****r!” prangt, umringt von einer Collage aus Kinderbuchillustrationen, aus dem Struwwelpeter, aus “Tim und Struppi im Kongo”, aus “Jim Knopf” und aus “Zehn kleiner N******lein”.
Zum Titel wurde auf den Facebook-Seiten von Axel Hacke und der “Zeit” eigentlich schon genug gesagt – kurz zusammenfassend: Man könnte eigentlich selbständig drauf kommen, dass eine Schwarze Person vermutlich wenig Lust hat, sich eine Zeitung zu kaufen, auf der vorne ein Wort prangt, das sie im Alltag ständig als rassistische Beleidigung an den Kopf geworfen bekommt. Logisch daraus erschlösse sich dann auch, wer mit dem “Wir” im Untertitel “Unsere liebsten Kinderbücher” gemeint ist – weiße Deutsche.
Aber Axel Hacke rief auf Facebook auf, sich doch erst einmal das Dossier durchzulesen, bevor man sich über den Titel beschwere. Das ist nur logisch, zumindest für ihn – denn genauso sieht er es auch bezüglich seines Buches “Der weiße N****r Wumbaba”, das müsse man auch erstmal lesen, um zu wissen, dass man das Schimpfwort in Kombination mit einer rassistischen Illustration (dicke Lippen, Knochen im Haar, Bastrock) nicht auf Buchtiteln im Jahre 2004 sehen möchte. Er jedenfalls könnte kotzen, schreibt es aber nicht, und beschwert sich, dass seine Kritiker, die er ja durch sein Titielbild beleidigt hat, nicht ruhig argumentieren (Ironischerweise argumentiert sein Kollege Ijoma Mangold genau daneben ruhig und besonnen.). Zusammenhänge, liebe Kinder! Wenn Euch das nächste Mal jemand ins Gesicht spuckt, dann argumentiert ruhig – Ihr wisst ja nicht, was die Person sonst noch so alles denkt und tut!
Also, ich bin jedenfalls los, hab ich mir die ZEIT gekauft, und daraufhin schon mal einen sehr merkwürdigen Blick eines nicht-weißen Mannes an der EDEKA-Kasse nebendran bekommen. Wie soll man da reagieren? “Herr Hacke hat gesagt, ich soll das lesen?”
Schlägt man dann das Dossier auf, beginnt schon der erste Artikel von Ulrich Greiner mit einem dramatischen Paukenschlag: “Artikel 5 des Grundgesetzes behauptet: Eine Zensur findet nicht statt”. Der sich daran anschließende erste Absatz kommt denn auch in nur 15 Zeilen zu dem Schluss, dass es sich bei den freiwilligen Änderungen eines Verlages um “Zensur” handelt. “Wie anders als Zensur oder Fälschung soll man das nennen?”
Nun, Herr Greiner, man könnte es mit vielen Worten benennen. Unter anderem: freiwillige Änderungen, Anpassungen, Korrekturen, Überarbeitungen, Modernisierung, Lektorat oder auch Einsicht. Ein Wort ist ganz sicher falsch: Zensur. (Ein an dieser Stelle sehr hilfreicher Artikel findet sich hier)
Es stellt sich folgende Frage: Der Zensurvorwurf beinhaltet ja die Unterstellung eines Zwangs. Meine bescheidenen Beiträge zur aktivistischen Arbeit bei Bühnenwatch (www.buehnenwatch.com) haben mich schon mehrfach mit dieser Art von Vorwurf, ach, was rede ich, mit genau diesem Vorwurf konfrontiert.
Der Thienemann Verlag hat auf Facebook eine Erklärung zu den Gründen für die Änderungen veröffentlicht, da steht nichts von Zwang, nichts von Drohungen oder sonstigem, sondern von einer völlig grundgesetz-konformen Einigung mit Familie Preussler. Später wird auch die Einigung mit den Erben Astrid Lindgrens erwähnt.
Warum bedeutet Einsehen im Kontext von Rassismuskritik an sprachlichen Äusserungen in Deutschland vor allem “Einknicken”? Wie schon bei der Diskussion um Blackface am Deutschen Theater letztes Frühjahr wird getan, als wäre ein unglaublicher Druck aufgebaut oder sogar gedroht worden, so dass Ulrich Khuon bzw. in diesem Fall Preussler quasi gezwungen wurden, ihre Meinung zu ändern. Das ist nicht nur paternalistisch gegenüber Khuon und Preussler, sondern es impliziert auch, seine Meinung zu ändern, sei ein Zeichen von Schwäche. Wer muss hier warum um jeden Preis stark sein?
Im zweiten Absatz dann schreibt Greiner von Verkleidungen, die in der “Kleinen Hexe” vorkommen. Die Auswahl an Karnevalskostümen schrumpft anscheinend ungeheuerlich, wenn die Kinder sich nicht mehr als “N****r, Chinesenmädchen oder Türke” oder auch als “Indianer, Zigeuner oder Eskimo” verkleiden können. Weiter: “Dornröschen wäre sexistisch, ein Scheich islamfeindlich. Und Hexe geht ja schon lange nicht mehr.”
Wir waren als Kinder unter anderem als Frosch verkleidet, als Schornsteinfeger, als Astronaut, als Hexe (geht ganz gut, das Buch “Die kleine Hexe” ist ja auch noch nicht verboten, ha ha!), als Roboter, als Zebra, als Zombie, auch mal so ganz originell als Clown, als Wikinger etc. pp.
Achja, und als Piratin. Das ist denn auch die einzige Alternative, die Greiner zu oben genannten rassistischen Kostümen einfällt, womit er zu Pippi Langstrumpf überleitet. Als die war ich auch mal verkleidet zu Karneval! Schade, dass Karneval in Berlin nicht wirklich gefeiert wird, sonst könnte ich mich als weißer deutsche Feuilletonist verkleiden!
Nachdem er diesen Artikel schon so begonnen hat, muss er natürlich bereits im dritten Absatz ordentlich nachlegen: “Ein Furor politischer Korrektheit verbreitet sich im Land.” Das erste Beispiel für diesen Furor ist – na? – Kristina Schröder! Die sich bisher ja eigentlich eher weder durch Furor noch durch politische Korrektheit hervorgetan hat. Ihr Feminismus-Bashing und die von ihr erfundene “Deutschenfeindlichkeit” sind jedenfalls durch den anscheinend herrschenden zensorischen Furor (kann man das so sagen?) unbeeindruckt sehr, sehr deutlich bis zu mir vorgedrungen. Viel zu deutlich. Aber ich schweife ab.
Kristina Schröder also wagt es, Kinderbücher ihrem Kind nicht wortgetreu vorzulesen und plant ungeheuerlicherweise, das auch weiterhin zu tun. Das geht natürlich nicht.
Kristina Schröders Kind ist eineinhalb Jahre alt. Ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich zu behaupten wage, dass das für Diskussionen um das Wort “N****r” noch ein wenig zu früh ist. Herr Greiner zitiert also Frau Schröder, die im Interview mit der ZEIT sagt, sie würde das N-Wort in “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” durch “ein Baby mit schwarzer Hautfarbe” ersetzen. Daraufhin sucht er die entsprechende Stelle aus dem Buch heraus, und breitet genüsslich aus, dass – würde man dem, was Frau Schröder sagt, eins zu eins folgen – eine Dopplung von “Baby mit schwarzer Hautfarbe” in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen entstehen würde. Ja, das klänge blöd.
Frau Schröder hat aber wahrscheinlich nicht den kompletten Text auswendig gelernt, und, wie gesagt, ihr Kind ist 1 1/2, was nicht nur zu früh für Rassismusdebatten, sondern auch zu früh für Jim Knopf ist. Aber man kann sich natürlich daran aufhängen. Macht Herr Greiner auch. Er kann sich nicht vorstellen, dass jemand den Text auch eventuell anders abändern kann. Und bedauert sehr, dass dadurch der “Witz der Szene” verschwindet. Ich möchte meinen, dass das Buch das durchaus verträgt, da seine Qualität nicht allein an dem ziemlich blöden Witz hängt, dass Lukas ja “genauso schwarz” wie Jim ist. Kennen Sie das Video “Shit white girls say to black girls”? Passt in diesem Zusammenhang irgendwie.
Und das sind erst die ersten 5 Absätze!
Es folgen drei weitere über Pippi Langstrumpf, in denen es offenbar nicht im Geringsten problematisch gefunden wird von Herrn Greiner, dass Pippis Vater auch als “Südsee-König”, der er ja schon seit ein paar Jahren ist, als weißer Mann über Schwarze herrscht, und dass Pippi dann natürlich ganz furchtbar zufällig den Kongo auswählt, um von einem Land zu erzählen, in dem alle lügen. Diesmal bin ich diejenige, der nur zwei Worte dazu einfallen: Kolonialismus und Rassismus. Herrn Greiner nicht, der erzählt stattdessen, dass der Rassismusforscher Wolfgang Benz sein Augenmerk mehr auf die Realität richten solle als auf die Fiktion. Aha.
Dass Herr Greiner sich offenbar mit Kolonialismus und seinem Fortwirken noch nicht so auseinandergesetzt hat, wird denn auch deutlich, wenn Pippis Fantasien mit den Bildern Gauguins verglichen werden, gemeinsam hätten die beiden die “haltlos-unschuldige Spielerei” mit dem “Phantasma des naiven Naturvolks” gemeinsam habe.
Herr Greiner, jetzt fragen Sie sich doch einfach mal, was es mit dem “Phantasma des naiven Naturvolks” so auf sich hat. Wo kommt es her? Von wem stammt es? Und wen exotisiert es und macht ihn/sie zum ewig “Anderen”? Könnte es vielleicht in der Aufklärung aufgekommen sein? Hegel schreibt zum Beispiel: “Bei den N*****n ist nämlich das Charakteristische gerade, daß ihr Bewußseyn noch nicht zur Anschauung irgend einer festen Objektivität gekommen ist, wie zum Beispiel Gott, Gesetz, bei welcher der Mensch mit seinem Willen wäre, und darin die Anschauung seines Wesen hätte.(…) Der N**** stellt, wie schon gesagt worden ist, den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar: von aller Ehrfurcht und Sittlichkeit, von dem, was Gefühl heißt, muß man abstrahieren, wenn man ihn richtig auffassen will; es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden.”
Peggy Piesche führt dazu aus, dass mit einer Weiterführung dieser Argumentation dann auch die Sklaverei rechtfertigt werden konnte, und weiter: “Diese durchaus bekannten Strategien der Markierung des “Anderen” als Projektionsfläche des “Eigenen” konnte so glatt und bruchlos bis in die heutige Zeit fortgeschrieben werden, weil sie mit der Kategorie “Rasse” arbeitete, die im Aufklärungsprojekt (…) mit Annahmen, Setzungen und Zuschreibungen gefüllt wurde.” (aus “Mythen, Masken und Subjekte”, Münster 2009 S.33″)
Zum Beispiel im ARD-Abendprogramm.
Greiner behauptet denn auch implizit, das Wort “N****r” sei nicht von Anfang an beleidigend gewesen. Zeit, den Hegel nochmal rauszukramen, Herr Greiner!
“Robinson Crusoe”, “Moby Dick” und “Gulliver” wurden anscheinend schon immer “gekürzt und zensiert”, führt Greiner dann aus – nach einem kurzen Exkurs über “Mohren” bei Schiller – aber das sei nicht so schlimm, weil man habe sich stets auch die Originalausgaben später kaufen können. In diesem Fall sei das aber schlimmer. Warum? Werden die Bücher alle verbrannt? Vielleicht hat Greiner davor ja Angst – wenn man sich Zensur einredet, kommen solche Vorstellungen vielleicht auch schnell mal hoch. Bücher halten sich doch eine Weile. Sie können immer noch in ein Antiquariat gehen und sich eine alte Ausgabe besorgen, Herr Greiner, wenn es sie mal wieder gelüstet, das Wort “N****r” so richtig schön ausgeschrieben zu sehen! Das sind doch gute Nachrichten! Aber stellen Sie sich vor, wenn heute aufwachsende Kinder das Wort gar nicht erst lernen würden! Das ist zwar kaum zu befürchten, aber es scheint etwas zu sein, das Herrn Greiner ängstigt.
Dann kommt natürlich unvermeidlicherweise etwas über “1984″. Der kleine Bruder des großen Bruders ist laut Greiner die politische Korrektheit. Eine Gesellschaft, in der rassistische Beleidigungen nicht an der Tagesordnung sind, erinnert weiße deutsche Feuilletonisten eigentlich fast immer an “1984″. Aber eigentlich nicht nur deutsche, im Übrigen – eine meiner liebsten Bloggerinnen, Melissa McEwan, schreibt über Bill Maher: “Of course it comes down to the reason he doesn’t want to live in a country where no one says anything offensive is because HE WANTS TO SAY OFFENSIVE THINGS, and the only kind of country in which no one says offensive things that he can imagine is one in which IT’S NOT ALLOWED.
Whereas, when I imagine a country where no one says offensive things, it’s because it’s populated by people who give a fuck about not offending other people, and thus CHOOSE not to offend them, no censorship required.
Unlike Bill Maher, I expect more. Firstly of myself.”
Kritik an Sprache zu üben, bedeutet also eigentlich die ersten Schritte hin zu einer Diktatur zu gehen. Ich finde diesen absolut irrationalen Gedankengang immer wieder faszinierend. Wurde der eigentlich auch so bemüht, als die Bibel “in gerechter Sprache” verfasst wurde?
Und wenn man schon bei “1984″ angekommen ist, dann dürfen natürlich die “echten Rassisten” nicht fehlen, “jene hasserfüllten Schläger”, für die Greiner, soweit ich das einem Blick in das Zeit-Archiv seiner Artikel entnehmen kann, sich eigentlich auch nie interessiert hat, für die seine Kritiker sich aber jetzt unbedingt zu interessieren haben.
Ich glaube auch, selbstverständlich, dass die ein Problem sind. Ich glaube auch, und die Untersuchungen zur NSU scheinen das zu belegen, dass es schwieriger wäre, eine Serie von rassistischen Morden zu begehen, wenn die breite Öffentllichkeit und natürlich die Polizei mehr sensibilisiert für ihren eigenen Rassismus wäre. Die NSU-Morde, die anschließenden Ermittlungen und die mediale Aufarbeitung haben schön gezeigt, wo bei als “ausländisch” definierten Opfern der deutsche Hammer hängt, vom “Mafia”-Anfangsverdacht bis hin zum unsäglichen Begriff “Dönermorde”. Da ist sie wieder, die weißdeutsche Mehrheits-Sprache mit ihrem “Ist doch gar nicht so gemeint.” Waren die Proteste gegen diese Bezeichnung auch “Zensur”?
Aber so ist es eben in Deutschland, Rassismus gibt es nur bei den Nazis. Bequem ausgeblendet wird dann natürlich, wie sich Weißsein in Deutschland manifestiert, wie virulent die Beleidigung “N****r” und entsprechende koloniale Menschenbilder auch in weißen akademischen Kreisen sind, wie selten Schwarze Stimmen gehört werden, auch und gerade wenn es um Rassismus geht (siehe den unerträglichen Günther-Wallraff-Film, in dem sich erst einmal ein weißer Deutscher schlecht als Schwarzer, schlecht deutsch sprechender Afrikaner im Batik-Gewand verkleiden musste, damit in Deutschland überhaupt jemand merkt, dass es da ein Problem gibt – das Ganze natürlich, anstatt Schwarze deutsche Experten zu Wort kommen zu lassen), wie vielgestaltig und subtil das System Rassismus in der Gesellschaft funktionieren kann.
Doch halt, es geht weiter: “Zweifellos gibt es Rassismus in diesem Land”, immerhin. Doch leider geht es gleich weiter mit “Mitbürgern nichtdeutscher Herkunft”. Was bedeutet das genau? Migrationshintergrund? Wie weit muss man da so zurückrechnen? Wenn man bei allen so rechnen würde wie das Bundesamt für Statistik, nämlich 3 Generationen zurück, hätten Herr Greiner und ich vermutlich offiziellen Faschismushintergrund, und richtig viele andere auch, wie meine überaus kluge Bekannte Nadia Shehadeh neulich dazu schrieb.
Vielleicht sollte man gerade angesichts dieses Hintergrundes mit Zensur- und Diktatur-Vorwürfen ein wenig vorsichtiger sein.
Viele sind aber eher darauf bedacht, möglichst laut “Wehret den Anfängen!” zu schreien. Als ob eine rassistisch diskriminierte Minderheit in Deutschland 2013 auch nur ansatzweise die Macht hätte, eine “Meinungsdiktatur” aufzubauen. Herr Mangold dazu: “Von Sprachpolizei ist die Rede, als würden Minderheitslobbyisten der deutschen Sprechergemeinschaft das Vokabular entziehen.” Wie war das, Herr Hacke, mit den besonnenen Argumenten? Fordern Sie die auch von Ihren Unterstützern ein? Geht es vielleicht auch unter “1984″ und “Zensur”? Sind die USA etwa zu einem faschistischen Staat verkommen, weil das Wort “N*****r”, von weißen ausgesprochen, endlich allgemein geächtet wird (und so gut wie jede derartige Äußerung zu Protesten führt)? Es gibt einen wunderbaren TED-Talk von Jay Smooth dazu, wie über Rassismus konstruktiv geredet werden kann. Sollten sich mehr Leute mal anschauen.
Greiner wird denn auch etwas sanfter, für seine Verhältnisse. Man dürfe Menschen “nicht die Erinnerung stehlen”, appelliert er, also deutschen Kindern, also deutschen weißen Kindern, “die heute oftmals erwachsen” sind. Dann kommen die Sternsinger. Immer wieder diese verdammten Sternsinger mit ihrem Blackfacing. Wäre wahrscheinlich auch Diebstahl von Erinnerungen, wenn man das ein für alle mal abschminken täte. Und der Bibeltext sagt gar nichts über einen Schwarzen König? Dann hat man das einfach so verändert? So wie Kristina Schröder also?
“Auch ohne böse Absicht können Worte Schaden anrichten” sei ein weit verbreitetes, aber naives Argument. Man könne die kindliche Unschuld nicht dadurch bewahren, dass man das Kind “vor schädlichen Vokabeln” schütze. Ein Kind, “das von Beginn an gelernt hätte, wie böse es sei, “N****r” zu sagen, (würde) vielleicht irgendwann von der Lust ergriffen (…), es endlich zu sagen – und die verächtlichen Implikationen womöglich für wahr zu halten.” Also bedeutet das, dass das, was im Rahmen dieser Debatte die ganze Zeit passiert, nämlich dass deutsche Journalisten von Greiner bis hin zu Mely Kiyak sich gerade so sehr daran weiden, das Wort die ganze Zeit zu benutzen und sogar auf den Titel zu packen, in schön groß – das ist jetzt schon das Produkt der Political Correctness, deren Diktatur doch gerade erst beginnt? Ich bin verwirrt. Davon abgesehen, werden Schwarze Kinder auch in dieser Argumentation wieder einmal ignoriert.
Nein, Herr Greiner, allein ein solches Wort in einem Kinderbuch macht niemanden zum Rassisten. Und nicht jeder der rassistisch spricht, ist ein überzeugter Rassist. Es ist das Fortwirken kolonialen Denkens, das Rassismus begünstigt und weiterleben lässt. Zum Beispiel, wenn man Ideen von “naiven Naturvölkern” als harmlos betrachtet. Zum Beispiel, wenn dem Illustrator des ZEIT-Titelbildes nicht klar ist, wie Schwarze z.B. in “Tim und Struppi” dargestellt werden – nämlich als ein Heer von exakt gleich aussehenden halbnackten Karikaturen mit Riesenlippen. Zum Beispiel, wenn rassistische Diskriminierung als bloße persönliche Befindlichkeit abgetan wird. Zum Beispiel, wenn im ZEIT-Dossier zum Thema nicht ein einziges Mal der Name Maisha Eggers auftaucht, obwohl sie sich exakt mit diesem Thema wissenschaftlich auseinandergesetzt hat. Fundiertes Expertenwissen ist ganz offensichtlich nicht erwünscht.
Stattdessen kommt bei Greiner etwas über die Befragung von Schulklassen zu dem Wort “N****r”, und alle (weißen?) Befragten sagen Sachen, die darauf hoffen lassen, dass sie es nicht verwenden. Anscheinend ist das Problem damit für ihn gelöst, obwohl doch der echte Rassismus (™) gar nicht mit dem Wort zusammenhängt? Und das ist jetzt ein Beweis dafür, dass die Kinder nur was über Rassismus lernen können, wenn der “N****r” in Kinderbüchern erhalten bleibt? Wurden sie auch befragt, ob sie die entsprechenden Klassiker überhaupt gelesen haben? Ich glaube, Kinder (und Erwachsene!) könnten vor allem dann etwas über Rassismus lernen, wenn die deutsche Kolonialgeschichte mal anständig aufgearbeitet würde und auch im Curriculum an den Schulen einen festen Platz hätte. Das hat dann aber mit Kinderbüchern nicht mehr so viel zu tun.
Am Schluss kommt etwas ganz interessantes, das Mitarbeiter_innen deutscher Kinderbuchverlage, zumindest was meine Erfahrung aus diversen Gesprächen angeht (ich bin Illustratorin und führe deswegen ab und zu solche Gespräche) meistens ganz anders sehen als Herr Greiner. Er sagt, dass Aggressivität, oder “weniger schrecklich” Vitalität ein wichtiges Moment der Kindheit sei. Ich stimme ihm da voll und ganz zu, nur ist mir der Zusammenhang mit dem Thema Rassismus etwas unklar… Jedenfalls sind in meiner Erfahrung viele Mitarbeiter deutscher Kinderbuchverlage eher ängstliche, vorsichtige Leute, die der Kinderseele nicht zu viel zumuten möchten.
Dann erwähnt Greiner noch mal eben Grimms Märchen – Moment, wurden nicht gerade die permanent neu erzählt? Lässt zumindest der Wikipedia-Artikel vermuten.
Huch! “Obwohl Grimms Märchen zu den bekanntesten Werken der deutschen Literatur gehören, sind die Originaltexte der Märchen den meisten unbekannt.”